Bildungsorte entdecken in Wien: Ein Spaziergang vom Gürtel auf die Schmelz.
24.09.2026
Willkommen bei unserem gemeinsamen Spaziergang, den unter dem Membran-Dach des Urban-Loritz-Platzes starten, einer Drehscheibe zwischen Gürtel, 7. und 15. Bezirk, zwischen den Verkehrsströmen von Fahrbahnen, Straßenbahnschienen und Radwegen.
Benannt ist dieser Platz nach dem im 19. Jahrhundert lebenden und wirkenden katholischen Priester und Theologen Urban Loritz, der sich in seiner sozialen Arbeit besonders für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien einsetzte. Und der unter anderem hier in der Nähe, in der Halbgasse, eine der ersten Wiener Kleinkinderbewahranstalten begründete, einer Vorläuferin des heutigen Kindergartens, um der Verwahrlosung von Kindern vorzubeugen und sie für damalige Maßstäbe auch pädagogisch sinnvoll zu betreuen.
Und hier am Urban-Loritz-Platz liegen auch die frühestens Wurzeln der Volkshochschule Volksheim Ottakring: Bevor das Volkshochschulgebäude am Ludo-Hartmann-Platz errichtet und 1905 eröffnet wurde, war der Volksbildungsverein bereits in gemieteten Räumen in Fünfhaus, am Urban-Loritz Platz 1 aktiv und setze hier seine ersten Bildungsangebote um. Mit bereits 27 Kursen im ersten Kursjahr, von Physik und Biologie über Philosophie und Recht bis zu Literatur und Sprachen – ein Kursangebot, das in den Folgejahren rasch anwuchs.
Der Gürtel, in dessen Mitte wir nun stehen, trennte lange Zeit, bis ins späte 19. Jahrhundert, der sogenannte Linienwall Wien, die Stadt, von den Vororten und deren Bevölkerung. Vororte, die im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts von ehemaligen Dörfern und landwirtschaftlichen Flächen zu mit rasch hochgezogenen Zinshäusern dicht verbauten Arbeiter:innen-Vierteln geworden waren.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts führen nun entlang des ehemaligen Linienwalls die Gleise, Viadukte und Brücken der Stadtbahn, der heutigen U6. Vor dem Westbahnhof taucht sie kurz unter die Erde und kommt hier an der Station Burggasse unter uns wieder zum Vorschein.
Vor etwa dreißig Jahren wurde von der Stadt Wien der spannende Entschluss gefasst, über dieser Station eine neue Wiener Hauptbücherei zu errichten, um die alte Hauptbücherei, das 1970 errichtete “Haus des Buches” in der Skodagasse zu ersetzen.
Viele aus meiner Generation können sich wohl noch an die alte Skodagasse, jenen trapezförmigen Büchertempel mit seiner rohen Betonfassade, erinnern. Ich hatte dort viele Stunden meines Studiums verbracht, als durchaus willkommene analoge Wissensquelle in den damaligen Vor-Internet Zeiten, auch als Alternative zur Uni Bibliothek. Inzwischen war die Hauptbücherei in der Skodagasse aber schon längst nicht mehr den laufend steigenden Anforderungen gewachsen und platzte aus allen Nähten.
Heute dient das Gebäude übrigens in sanierter und umgebauter Form als Zentrale der Musikschulen der Stadt Wien.
Die Ortsentscheidung für den Bau einer neuen Hauptbücherei über einer U-Bahn-Station und den beiden verkehrsreichen Fahrbahnen des Gürtels war ein ungewöhnlicher Schritt, und vor allem ein wichtiges bildungspolitisches Statement: Hier an der Schnittstelle zwischen dem früheren Textilviertel am Schottenfeld, dem sogenannten Brillantengrund – und den traditionellen Arbeiter:innen- und Migrant:innen-Bezirken Ottakring und Fünfhaus. So wie hundert Jahre zuvor die Errichtung der nahegelegenen Volkshochschule Ottakring inmitten der Quartiere der proletarischen Vorstadt ein solches Statement gewesen war.
Es war zugleich auch eine außergewöhnliche bautechnische und architektonische Herausforderung bedeutete. Eine Herausforderung, die das Interesse des Wiener Architekten Ernst Mayr weckte, als er von der Ausschreibung erfuhr. Er erzählt in einem Ö1 Beitrag: "Ich habe mich aufs Fahrrad gesetzt, bin hergefahren und habe mir das Grundstück und die begrenzenden Mauern von Otto Wagner angeschaut, und dann sind schon erste Ideen gekommen. Das hat dazu geführt, dass das Tragwerk des Gebäudes, abgesehen von der Idee der Form, aus dem Otto Wagner-Raster entwickelt wurde."
Ernst Mayr entwarf ein 150 Meter langes Gebäude in Form eines Bücherschiffs, das sich auf Stahlbetonsäulen über die U-Bahn erhebt und damit den Blick auf die darunter liegende denkmalgeschützte Stadtbahnstation ermöglicht.
An seinem Südende öffnet sich das Schiffsgebäude mit seinem Haupteingang auf Wiens größte Freitreppe zum Urban-Loritz-Platz, bei der sich der Architekt nach eigener Aussage von der Freitreppe der Villa Malaparte auf Capri inspirieren ließ, an die er sich durch den dort gedrehten Film „Die Verachtung“ von Jean-Luc Godard erinnerte. Diese imposante Freitreppe führt in streng geometrischer, umgedrehter Pyramidenform auf das Dach der in der 1930er Jahren errichteten „roten Villa“ des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte.
Und Ernst Mayr erläutert weiter: "Dieses Grundmodell war in der Sekunde die Idee, dass man vom Urban Loritz Platz kommend über eine Freitreppe und eine öffentliche Terrasse ein Gebäude macht, das wie eine Skulptur in der Situation drinnen liegt - nach außen geschlossen, unten offen, wo durch das Einladende der Treppe die Leute hinauf gehen und das Gebäude entdecken wollen und Schwellenängste abgebaut werden."
Der Blick von dieser Freitreppe, auf Wien, auf den Gürtel und in Richtung des Wientals, erzeugt ebenso das Gefühl von Weite, wie jener durch die Glasfronten am Heck des Bücherschiffs, auf den Wienerwald mit Kahlenberg und Leopoldsberg.
Am oberen Ende der Freitreppe, auf dem Dach des Gebäudes, sitzt in einer Glasrotunde das Lokal “Oben”, das übrigens bei der Eröffnung des Gebäudes ursprünglich “Canetti” hieß, und das kürzlich verdienterweise öffentliche Aufmerksamkeit nicht nur für seine spannende Küche, sondern speziell für die klare Haltung seines Teams auslöste, als es dem rechtsextremen Identitären Martin Sellner couragiert den Zutritt verwehrte und ihn mit “Verzupf di!” des Lokals verwies.
Die langgestreckte Dachfläche öffnet sich zudem jeden Sommer mit dem open-Air „Kino am Dach“ dem Filmgenuss über den Dächern Wiens.
Eine wesentliche Herausforderung bei der Gestaltung des Gebäudes war der massive Verkehrslärm des Gürtels, dessen mehrspurige Fahrbahnen an beiden Seiten der Bücherei entlang tosen. Aus Gründen des Schallschutzes sind daher die beiden Längsseiten nur sparsam nach außen geöffnet, das Licht fällt vor allem von oben und von der Glasfront des Hecks in das Bücherschiff. Zusätzlich wird der Lärm des Straßenverkehrs durch spezielle Schallschutzverglasungen und die Terrakotta-Außenverkleidung so weit wie möglich draußen gehalten.
Im Inneren des Bücherschiffs bieten offene, weitläufige Bibliotheksräume auf zwei Etagen mit Lesenischen und bequemen Sitzmöbeln, sowie mit Internet- bzw. Video- und Audioplätzen und einem eigenen Kinderbereich Orte zum Lesen, Recherchieren und Lernen. Oder auch einfach nur zum Entspannen.
Fertiggestellt und eröffnet wurde die Hauptbücherei dann 2003.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich nach der Dachgleiche, ich glaube es war im Jahr 2000, die Gelegenheit erhielt, das noch rohe Gebäudes zu durchwandern und die künftigen Nutzungskonzepte erläutert zu bekommen. Ich war schon damals beeindruckt vom Gebäude und dessen Potenziale für neue Zugänge in der Bildungsarbeit.
Diese Gedanken ließen mich in Folge auch nicht mehr los, ich begann, zunächst in meinem Kopf, dann in enger Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern in der Bücherei eine Projektidee für ein institutionenübergreifendes kooperatives Selbstlernzentrum im Sprachenbereich zu entwickeln, das die Ressourcen und Kompetenzen der VHS Ottakrig und der neuen Hauptbücherei produktiv miteinander verknüpfen sollte:
Das Projekt „Sprachenquartier“, das autonomes und selbstorganisiertes Lernen fördern sollte, indem Lernberatung und Lernbegleitung durch das Sprachenzentrum der VHS Ottakring mit den Lernumgebungen und Lernmaterialien in der Hauptbücherei zusammengebracht werden, unterstützt durch Instrumente wie Sprachenportfolios. Wobei durch gezielte Maßnahmen besonders auch bildungsbenachteiligte Zielgruppen, nicht zuletzt auch im Bereich Deutsch als Zweitsprache sowie Alphabetisierung im Selbstlernen unterstützt werden sollten.
Leider wurde dieses Projekt aufgrund fehlender Finanzierung dann nie realisiert. Es blieb trotz mehrfacher Anläufe und Adaptierungen über drei Jahre hinweg letztendlich in der Antragsbürokratie des Unterrichtsministeriums hängen. Aber wer weiß, vielleicht eröffnet sich ja in Zukunft nochmals eine neue Perspektive?
Wir verlassen nun das Bücherschiff am Gürtel und spazieren über den belebten Urban-Loritz-Platz in Richtung Hütteldorferstraße, die in diesem Teil übrigens von 1919 bis 1929 Karl-Marx-Straße hieß.
Und in dieser Zeit wurde hier an der Karl-Marx-Straße in den Jahren 1925 und 1926 in der Rekordzeit von nur fünfzehn Monaten der Gebäudekomplex der zweiten Wiener Berufsschule errichtet. Es war eines der größten Schulbauprojekte in der Geschichte Wiens, auf einer Fläche von insgesamt 13.000 Quadratmetern, und es war zum damaligen Zeitpunkt das modernste Schulgebäude seiner Art in Europa.
Zuvor befand sich an dieser Stelle seit 1904 der bekannte Zirkus Schumann, ein rundes Gebäude mit 50 Metern Durchmesser und flacher Kuppel, das Platz für über 3.000 Personen für seine Vorführungen bot. Nach der Schließung des Zirkus 1916 wurde das Gebäude dann 1921 abgerissen.
Die neue Zentralberufsschule war ursprünglich v.a. für die holzverarbeitenden Gewerbe gedacht, allerdings gab es dort von Anfang an auch andere Gewerbe in insgesamt 19 gewerblichen Fachschulen mit über 5.000 Lehrlingen.
Über einen Arkadenhof erfolgte der Zugang zu den einzelnen Schultrakten, zu den Klassenzimmern, zu den Vortragssälen und Zeichensälen, einer großen Bibliothek, einem Chemie-, Physik- und Musiksaal sowie einen 350 Personen fassenden Festsaal – und vor allem auch zu den modern ausgestatteten Lehrwerkstätten. Außerdem waren dem Baukomplex ein fünfgeschossiges Lehrlingsheim, eine eigene Schulküche, Speiseräume für Schüler:innen und Lehrer:innen sowie Erholungsräume angeschlossen.
Heutzutage befinden sich am in den 1990er Jahren generalsanierten Standort die Berufsschulen für für Holzbearbeitung und Musikinstrumentenerzeugung, für Chemie, Grafik und gestaltende Berufe, für Handel und Reisen sowie für Maler und Kunstgewerbe.
Wir überqueren nun die Hütteldorferstraße und betreten den gegenüberliegenden Märzpark, dessen Name an die Gefechte und Opfer im Kontext der 1848er Revolution erinnert. Hier waren auf dem ehemaligen Schmelzer Friedhof die Opfer der Märzrevolution bestattet, für die dann später 1864 ein Mahnmal errichtet wurde. Mit der Auflassung des Schmelzer Friedhofs 1888 wurden die Leichen der Märzgefallenen exhumiert und kamen auf Ehrengräber am den Zentralfriedhof, auch das ursprüngliche Mahnmal wurde auf den Zentralfriedhof transferiert. Seit einiger Zeit erinnert nun ein kleiner Gedenkstein an diese Ereignisse.
Auf dem freien Feld des ehemaligen Schmelzer Friedhofs sollte im austrofaschistischen Ständestaat ein Jugendstadion mit angeschlossener Führerschule der Vaterländischen Front und einem Dollfuß Denkmal errichtet werden – nach dem Vorbild des Foro Mussolini in Rom im faschistischen Italien. Die Pläne dafür lieferte Clemens Holzmeister, der bereits zuvor am Burjanplatz die sogenannte „Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche“, die heutige Christkönigskirche, gestaltet hatte, an die dieses Projekt auch räumlich anschließen sollte. Zur Realisierung kam es dann durch die weiteren Ereignisse und politischen Umbrüche bis hin zur Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr.
In den 1950er Jahren entstand dann hier, die Wiener Stadthalle. Der Märzpark, der ursprünglich weitaus größer angelegt war und u.a. auch mehrere Kinderspiel- und Sportplätze sowie ein Kinderfreibad umfasste, wurde im Zuge dessen deutlich verkleinert.
Wir verlassen nun den schattigen und belebten Park, spazieren vorbei an der langen Ostfront der Stadthalle, und steigen über eine kurze steile Treppe in den Vogelweidpark hinauf, der über einer in den 1970er Jahren errichteten Tiefgarage liegt. Hier befand bis dahin lange Zeit der Red Star Sportplatz des ursprünglich von Ottakringer Metallarbeitern gegründeten Fußballvereins.
Historische Aufnahmen zeigen diesen Sportplatz mit weitläufigem Blick vom Eingang der heutigen Lugner City hinauf bis hinein ins Zentrum des Nibelungenviertel, spätere Fotos dann den Platz mit der neu errichteten Stadthalle im Hintergrund. Nachdem der Sportplatz der Tiefgarage weichen musste, hat Red Star dann eine neue Sportheimat im sogenannten „Drei-Länder-Eck“, an der Schnittstelle von 14., 15. und 16. Bezirk in der Kendlerstraße, gefunden.
Auch ein anderer noch bekannterer Fußballverein hatte seine Heimstätte übrigens hier in der Nähe, nämlich Rapid Wien. Gespielt wurde vom 1897 als „Erster Wiener Arbeiter-Fußball-Club“ gründeten Verein in den Anfangsjahren auf einer freien Wiese auf der Schmelz und der Vereinssitz war ein Ecktisch in den Stefaniesälen in der Hütteldorferstraße – bis er dann er auf einen gepachteten Sportplatz westlich der heutigen Selzergasse, zwischen südlich der Hütteldorferstraße umzog, ungefähr dort, wo sich heute der Meiselmarkt befindet.
Ein Sportplatz, der übrigens eine Besonderheit aufwies: Der Platz hatte von einem Tor zum anderen einen Höhenunterschied von mehr als einem Meter!
Die Klubfarben gingen vermutlich auf die grün-weiß-grüne Markierung der damals dort vorbeiführenden Straßenbahnlinie zurück (Straßenbahnen waren damals in den Anfangszeiten nicht durch Nummern oder Buchstaben, sondern durch Fragen gekennzeichnet). 1910 kündigte dann die Stadt Wien dann den Pachtvertrag und die Rapid fand in Hütteldorf mit der Pfarrwiese eine neue Heimstätte.
Wir gehen an der vorhin erwähnten Christkönigskirche und dem angeschlossenen Montessori-Kindergarten vorbei auf den mir sehr vertrauten Kriemhildplatz, der nun schon seit mehr als 25 Jahren mein Wohnort ist.
Am oberen Ende des Kriemhildplatzes, dort wo nun eine Filiale des Etsan Supermarkts seine Verkaufsflächen hat, entstand 1913 das „Schul- und Reformkino“, das damals als eines der größten und schönsten Wiener Kinos galt. In Folge wurde es in „Universumkino“ umbenannt und schloß nach einer wechselhaften Geschichte im Februar 1970 endgültig seine Pforten.
Wir gehen weiter, queren die S-Kurve am Übergang der Schweglerstraße zur Camillo-Sitte-gasse, und gelangen – vorbei am roten Zelt des vor drei Jahren hier eingerichteten Fahrradübungsplatzes – auf jenes Gelände, das von den einst weitläufigen Wiesen- und Ackerflächen der Schmelz überblieb.
Wir betreten damit die Kleingartensiedlung, die mit den „Schutzhaus zur Zukunft“ und seinem großen Gastgarten im Zentrum den östlichen Teil dieses heutigen Schmelzgeländes einnimmt. Eine Kleingartensiedlung, die ursprünglich aus illegaler Landnahme gegen Ende des Ersten Weltkriegs entstand, die dann ab 1920 durch die Stadt Wien in eine legalisierte Form der Kleingartensiedlung gebracht wurde wurde.
Einer der frühen Nutzer dieser Siedlung war übrigens der spätere Bundespräsident Adolf Schärf, der hier von 1921 bis 1959 einen Kleingarten bewirtschaftete.
Zuvor war dieses Gelände in der Monarchie Exerzierplatz des Militärs, eine Gstetten, eine wilde Heidelandschaft mit Hügeln und Furchen, die damit auch Erholungsraum für die Bevölkerung in den dicht bebauten Bezirken Ottakring und Fünfhaus mit ihren desolaten Wohnverhältnissen war. Als Ort zum Ausruhen und Luftschnappen, zum Tarockieren auf improvisierten Tischchen ebenso wie als Rendevouz-Treffpunkt für jungverliebte Paare, als Abenteuerspielplatz für Kinder und Jugendliche und als Sportplatz für den neu aus England importierten Fußballsport. Und wie bereits vorhin erwähnt, liegen auch die Wurzeln von Rapid Wien auf diesen Feldern.
Zugleich war die Schmelz aber auch Feld für Kinder- und Jugendbanden, den sogenannten „Platten“, und deren Bandenkriege. Und galt vor allem in der Nacht als unsicheres und gefährliches Gebiet.
Die heutige penible Ordnung der Kleingartensiedlung lässt diese deviante und anarchische Geschichte des ehemaligen „Wilden Westens“ von Wien nicht einmal mehr erahnen.
Wir nähern uns nun dem Endpunkt unseres heutigen Bildungsspaziergangs,
am westlichen Ende der heutigen Schmelz: Dort entstand 1973 neben dem Universitäts-Sportzentrum und den Sportanlagen des ASKÖ das Gymnasium „Auf der Schmelz“, das GRG 15.
Der geometrische Betonbau mit seinen rechtwinkelig sich gabelnden Gebäudearmen, die an ein großes, offenes und multifunktionales Atrium andocken, erinnert ein wenig an eine hier gelandete Raumstation.
Die Schule begrüßt die Ankommenden wie Vorbeigehenden mit einer klaren Botschaft auf einem Transparent über dem Eingang: „Educate your sons!“ Eine Haltung, die für mich gut in meine Wahrnehmung der Kultur dieser Schule passt, die vor allem von Offenheit und Vielfalt geprägt ist. Zumindest habe ich das so erlebt, als unsere Tochter acht Jahre lang diese Schule besuchte und dort dann auch 2013 maturierte.
Und was ich auch im aktuellen Leitbild der Schule wiederfinde, das mit den Sätzen beginnt: „Wir stärken Identität und fördern Individualität. Integration nimmt auf verschiedenste Kompetenzen und Bedürfnisse Rücksicht. Kinder aus verschiedenen Kulturkreisen, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Identitäten sollen bei uns Platz finden und sich wohlfühlen.“
Wer mich kennt, weiß, dass solche Aussagen mir voll aus dem Herzen sprechen. Weil es für mich genau darum bei guter Bildungsarbeit geht, die Kinder und Jugendliche in ihrer Vielheit positiv wahrnimmt und in den Mittelpunkt stellt.
Und darum finde es auch einen wunderbar passenden Schluss für den heutigen Bildungsspaziergang, der uns vom Bücherschiff am Gürtel bis hierher zum Gymnasium auf der Schmelz geführt hat.
- Wien Geschichte Wiki: Hauptbücherei.
- Lesen über dem Gürtel. Hauptbücherei Wien. Ö1 Beitrag vom 28.5.2028.
- Wilhelm Kainrath,, Friedl Kubekla-Bondy und Franz Kuzmich: Die alltägliche Stadterneuerung : Drei Jahrhunderte Bauen und Planen in einem Wiener Außenbezirk. Verlag Löcker 1984.
- Christine Klusacek, Kurt Timmer: Rudolfsheim-Fünfhaus. Zwischen Wienfluß und Schmelz. Verlag Kurt Mohl 1978.
⁃ Wolfgang Madertaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus 2000.
Benannt ist dieser Platz nach dem im 19. Jahrhundert lebenden und wirkenden katholischen Priester und Theologen Urban Loritz, der sich in seiner sozialen Arbeit besonders für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien einsetzte. Und der unter anderem hier in der Nähe, in der Halbgasse, eine der ersten Wiener Kleinkinderbewahranstalten begründete, einer Vorläuferin des heutigen Kindergartens, um der Verwahrlosung von Kindern vorzubeugen und sie für damalige Maßstäbe auch pädagogisch sinnvoll zu betreuen.
Und hier am Urban-Loritz-Platz liegen auch die frühestens Wurzeln der Volkshochschule Volksheim Ottakring: Bevor das Volkshochschulgebäude am Ludo-Hartmann-Platz errichtet und 1905 eröffnet wurde, war der Volksbildungsverein bereits in gemieteten Räumen in Fünfhaus, am Urban-Loritz Platz 1 aktiv und setze hier seine ersten Bildungsangebote um. Mit bereits 27 Kursen im ersten Kursjahr, von Physik und Biologie über Philosophie und Recht bis zu Literatur und Sprachen – ein Kursangebot, das in den Folgejahren rasch anwuchs.
Der Gürtel, in dessen Mitte wir nun stehen, trennte lange Zeit, bis ins späte 19. Jahrhundert, der sogenannte Linienwall Wien, die Stadt, von den Vororten und deren Bevölkerung. Vororte, die im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts von ehemaligen Dörfern und landwirtschaftlichen Flächen zu mit rasch hochgezogenen Zinshäusern dicht verbauten Arbeiter:innen-Vierteln geworden waren.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts führen nun entlang des ehemaligen Linienwalls die Gleise, Viadukte und Brücken der Stadtbahn, der heutigen U6. Vor dem Westbahnhof taucht sie kurz unter die Erde und kommt hier an der Station Burggasse unter uns wieder zum Vorschein.
Vor etwa dreißig Jahren wurde von der Stadt Wien der spannende Entschluss gefasst, über dieser Station eine neue Wiener Hauptbücherei zu errichten, um die alte Hauptbücherei, das 1970 errichtete “Haus des Buches” in der Skodagasse zu ersetzen.
Viele aus meiner Generation können sich wohl noch an die alte Skodagasse, jenen trapezförmigen Büchertempel mit seiner rohen Betonfassade, erinnern. Ich hatte dort viele Stunden meines Studiums verbracht, als durchaus willkommene analoge Wissensquelle in den damaligen Vor-Internet Zeiten, auch als Alternative zur Uni Bibliothek. Inzwischen war die Hauptbücherei in der Skodagasse aber schon längst nicht mehr den laufend steigenden Anforderungen gewachsen und platzte aus allen Nähten.
Heute dient das Gebäude übrigens in sanierter und umgebauter Form als Zentrale der Musikschulen der Stadt Wien.
Das Bücherschiff am Gürtel
Die Ortsentscheidung für den Bau einer neuen Hauptbücherei über einer U-Bahn-Station und den beiden verkehrsreichen Fahrbahnen des Gürtels war ein ungewöhnlicher Schritt, und vor allem ein wichtiges bildungspolitisches Statement: Hier an der Schnittstelle zwischen dem früheren Textilviertel am Schottenfeld, dem sogenannten Brillantengrund – und den traditionellen Arbeiter:innen- und Migrant:innen-Bezirken Ottakring und Fünfhaus. So wie hundert Jahre zuvor die Errichtung der nahegelegenen Volkshochschule Ottakring inmitten der Quartiere der proletarischen Vorstadt ein solches Statement gewesen war.
Es war zugleich auch eine außergewöhnliche bautechnische und architektonische Herausforderung bedeutete. Eine Herausforderung, die das Interesse des Wiener Architekten Ernst Mayr weckte, als er von der Ausschreibung erfuhr. Er erzählt in einem Ö1 Beitrag: "Ich habe mich aufs Fahrrad gesetzt, bin hergefahren und habe mir das Grundstück und die begrenzenden Mauern von Otto Wagner angeschaut, und dann sind schon erste Ideen gekommen. Das hat dazu geführt, dass das Tragwerk des Gebäudes, abgesehen von der Idee der Form, aus dem Otto Wagner-Raster entwickelt wurde."
Ernst Mayr entwarf ein 150 Meter langes Gebäude in Form eines Bücherschiffs, das sich auf Stahlbetonsäulen über die U-Bahn erhebt und damit den Blick auf die darunter liegende denkmalgeschützte Stadtbahnstation ermöglicht.
An seinem Südende öffnet sich das Schiffsgebäude mit seinem Haupteingang auf Wiens größte Freitreppe zum Urban-Loritz-Platz, bei der sich der Architekt nach eigener Aussage von der Freitreppe der Villa Malaparte auf Capri inspirieren ließ, an die er sich durch den dort gedrehten Film „Die Verachtung“ von Jean-Luc Godard erinnerte. Diese imposante Freitreppe führt in streng geometrischer, umgedrehter Pyramidenform auf das Dach der in der 1930er Jahren errichteten „roten Villa“ des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte.
Und Ernst Mayr erläutert weiter: "Dieses Grundmodell war in der Sekunde die Idee, dass man vom Urban Loritz Platz kommend über eine Freitreppe und eine öffentliche Terrasse ein Gebäude macht, das wie eine Skulptur in der Situation drinnen liegt - nach außen geschlossen, unten offen, wo durch das Einladende der Treppe die Leute hinauf gehen und das Gebäude entdecken wollen und Schwellenängste abgebaut werden."
Der Blick von dieser Freitreppe, auf Wien, auf den Gürtel und in Richtung des Wientals, erzeugt ebenso das Gefühl von Weite, wie jener durch die Glasfronten am Heck des Bücherschiffs, auf den Wienerwald mit Kahlenberg und Leopoldsberg.
Am oberen Ende der Freitreppe, auf dem Dach des Gebäudes, sitzt in einer Glasrotunde das Lokal “Oben”, das übrigens bei der Eröffnung des Gebäudes ursprünglich “Canetti” hieß, und das kürzlich verdienterweise öffentliche Aufmerksamkeit nicht nur für seine spannende Küche, sondern speziell für die klare Haltung seines Teams auslöste, als es dem rechtsextremen Identitären Martin Sellner couragiert den Zutritt verwehrte und ihn mit “Verzupf di!” des Lokals verwies.
Die langgestreckte Dachfläche öffnet sich zudem jeden Sommer mit dem open-Air „Kino am Dach“ dem Filmgenuss über den Dächern Wiens.
Eine wesentliche Herausforderung bei der Gestaltung des Gebäudes war der massive Verkehrslärm des Gürtels, dessen mehrspurige Fahrbahnen an beiden Seiten der Bücherei entlang tosen. Aus Gründen des Schallschutzes sind daher die beiden Längsseiten nur sparsam nach außen geöffnet, das Licht fällt vor allem von oben und von der Glasfront des Hecks in das Bücherschiff. Zusätzlich wird der Lärm des Straßenverkehrs durch spezielle Schallschutzverglasungen und die Terrakotta-Außenverkleidung so weit wie möglich draußen gehalten.
Im Inneren des Bücherschiffs bieten offene, weitläufige Bibliotheksräume auf zwei Etagen mit Lesenischen und bequemen Sitzmöbeln, sowie mit Internet- bzw. Video- und Audioplätzen und einem eigenen Kinderbereich Orte zum Lesen, Recherchieren und Lernen. Oder auch einfach nur zum Entspannen.
Fertiggestellt und eröffnet wurde die Hauptbücherei dann 2003.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich nach der Dachgleiche, ich glaube es war im Jahr 2000, die Gelegenheit erhielt, das noch rohe Gebäudes zu durchwandern und die künftigen Nutzungskonzepte erläutert zu bekommen. Ich war schon damals beeindruckt vom Gebäude und dessen Potenziale für neue Zugänge in der Bildungsarbeit.
Diese Gedanken ließen mich in Folge auch nicht mehr los, ich begann, zunächst in meinem Kopf, dann in enger Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern in der Bücherei eine Projektidee für ein institutionenübergreifendes kooperatives Selbstlernzentrum im Sprachenbereich zu entwickeln, das die Ressourcen und Kompetenzen der VHS Ottakrig und der neuen Hauptbücherei produktiv miteinander verknüpfen sollte:
Das Projekt „Sprachenquartier“, das autonomes und selbstorganisiertes Lernen fördern sollte, indem Lernberatung und Lernbegleitung durch das Sprachenzentrum der VHS Ottakring mit den Lernumgebungen und Lernmaterialien in der Hauptbücherei zusammengebracht werden, unterstützt durch Instrumente wie Sprachenportfolios. Wobei durch gezielte Maßnahmen besonders auch bildungsbenachteiligte Zielgruppen, nicht zuletzt auch im Bereich Deutsch als Zweitsprache sowie Alphabetisierung im Selbstlernen unterstützt werden sollten.
Leider wurde dieses Projekt aufgrund fehlender Finanzierung dann nie realisiert. Es blieb trotz mehrfacher Anläufe und Adaptierungen über drei Jahre hinweg letztendlich in der Antragsbürokratie des Unterrichtsministeriums hängen. Aber wer weiß, vielleicht eröffnet sich ja in Zukunft nochmals eine neue Perspektive?
Die Zentralberufsschule in der Hütteldorferstraße – in den 1920er Jahren modernstes Schulgebäude in Europa
Wir verlassen nun das Bücherschiff am Gürtel und spazieren über den belebten Urban-Loritz-Platz in Richtung Hütteldorferstraße, die in diesem Teil übrigens von 1919 bis 1929 Karl-Marx-Straße hieß.
Und in dieser Zeit wurde hier an der Karl-Marx-Straße in den Jahren 1925 und 1926 in der Rekordzeit von nur fünfzehn Monaten der Gebäudekomplex der zweiten Wiener Berufsschule errichtet. Es war eines der größten Schulbauprojekte in der Geschichte Wiens, auf einer Fläche von insgesamt 13.000 Quadratmetern, und es war zum damaligen Zeitpunkt das modernste Schulgebäude seiner Art in Europa.
Zuvor befand sich an dieser Stelle seit 1904 der bekannte Zirkus Schumann, ein rundes Gebäude mit 50 Metern Durchmesser und flacher Kuppel, das Platz für über 3.000 Personen für seine Vorführungen bot. Nach der Schließung des Zirkus 1916 wurde das Gebäude dann 1921 abgerissen.
Die neue Zentralberufsschule war ursprünglich v.a. für die holzverarbeitenden Gewerbe gedacht, allerdings gab es dort von Anfang an auch andere Gewerbe in insgesamt 19 gewerblichen Fachschulen mit über 5.000 Lehrlingen.
Über einen Arkadenhof erfolgte der Zugang zu den einzelnen Schultrakten, zu den Klassenzimmern, zu den Vortragssälen und Zeichensälen, einer großen Bibliothek, einem Chemie-, Physik- und Musiksaal sowie einen 350 Personen fassenden Festsaal – und vor allem auch zu den modern ausgestatteten Lehrwerkstätten. Außerdem waren dem Baukomplex ein fünfgeschossiges Lehrlingsheim, eine eigene Schulküche, Speiseräume für Schüler:innen und Lehrer:innen sowie Erholungsräume angeschlossen.
Heutzutage befinden sich am in den 1990er Jahren generalsanierten Standort die Berufsschulen für für Holzbearbeitung und Musikinstrumentenerzeugung, für Chemie, Grafik und gestaltende Berufe, für Handel und Reisen sowie für Maler und Kunstgewerbe.
Das Gelände des ehemaligen Schmelzer Friedhofs
Wir überqueren nun die Hütteldorferstraße und betreten den gegenüberliegenden Märzpark, dessen Name an die Gefechte und Opfer im Kontext der 1848er Revolution erinnert. Hier waren auf dem ehemaligen Schmelzer Friedhof die Opfer der Märzrevolution bestattet, für die dann später 1864 ein Mahnmal errichtet wurde. Mit der Auflassung des Schmelzer Friedhofs 1888 wurden die Leichen der Märzgefallenen exhumiert und kamen auf Ehrengräber am den Zentralfriedhof, auch das ursprüngliche Mahnmal wurde auf den Zentralfriedhof transferiert. Seit einiger Zeit erinnert nun ein kleiner Gedenkstein an diese Ereignisse.
Auf dem freien Feld des ehemaligen Schmelzer Friedhofs sollte im austrofaschistischen Ständestaat ein Jugendstadion mit angeschlossener Führerschule der Vaterländischen Front und einem Dollfuß Denkmal errichtet werden – nach dem Vorbild des Foro Mussolini in Rom im faschistischen Italien. Die Pläne dafür lieferte Clemens Holzmeister, der bereits zuvor am Burjanplatz die sogenannte „Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche“, die heutige Christkönigskirche, gestaltet hatte, an die dieses Projekt auch räumlich anschließen sollte. Zur Realisierung kam es dann durch die weiteren Ereignisse und politischen Umbrüche bis hin zur Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr.
In den 1950er Jahren entstand dann hier, die Wiener Stadthalle. Der Märzpark, der ursprünglich weitaus größer angelegt war und u.a. auch mehrere Kinderspiel- und Sportplätze sowie ein Kinderfreibad umfasste, wurde im Zuge dessen deutlich verkleinert.
Wir verlassen nun den schattigen und belebten Park, spazieren vorbei an der langen Ostfront der Stadthalle, und steigen über eine kurze steile Treppe in den Vogelweidpark hinauf, der über einer in den 1970er Jahren errichteten Tiefgarage liegt. Hier befand bis dahin lange Zeit der Red Star Sportplatz des ursprünglich von Ottakringer Metallarbeitern gegründeten Fußballvereins.
Historische Aufnahmen zeigen diesen Sportplatz mit weitläufigem Blick vom Eingang der heutigen Lugner City hinauf bis hinein ins Zentrum des Nibelungenviertel, spätere Fotos dann den Platz mit der neu errichteten Stadthalle im Hintergrund. Nachdem der Sportplatz der Tiefgarage weichen musste, hat Red Star dann eine neue Sportheimat im sogenannten „Drei-Länder-Eck“, an der Schnittstelle von 14., 15. und 16. Bezirk in der Kendlerstraße, gefunden.
Auch ein anderer noch bekannterer Fußballverein hatte seine Heimstätte übrigens hier in der Nähe, nämlich Rapid Wien. Gespielt wurde vom 1897 als „Erster Wiener Arbeiter-Fußball-Club“ gründeten Verein in den Anfangsjahren auf einer freien Wiese auf der Schmelz und der Vereinssitz war ein Ecktisch in den Stefaniesälen in der Hütteldorferstraße – bis er dann er auf einen gepachteten Sportplatz westlich der heutigen Selzergasse, zwischen südlich der Hütteldorferstraße umzog, ungefähr dort, wo sich heute der Meiselmarkt befindet.
Ein Sportplatz, der übrigens eine Besonderheit aufwies: Der Platz hatte von einem Tor zum anderen einen Höhenunterschied von mehr als einem Meter!
Die Klubfarben gingen vermutlich auf die grün-weiß-grüne Markierung der damals dort vorbeiführenden Straßenbahnlinie zurück (Straßenbahnen waren damals in den Anfangszeiten nicht durch Nummern oder Buchstaben, sondern durch Fragen gekennzeichnet). 1910 kündigte dann die Stadt Wien dann den Pachtvertrag und die Rapid fand in Hütteldorf mit der Pfarrwiese eine neue Heimstätte.
Durch das Nibelungenviertel auf die heutige Schmelz
Aber zurück von diesem kurzen gedanklichen Ausflug zu unserem Spaziergang, den wir vom oberen Ende des Vogelweidparks fortsetzen. Wir betreten das sogenannte „Nibelungenviertel“, das – ganz untypisch für Fünfhaus – zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf aufgelassenen und damit frei verfügbaren Flächen des ehemaligen Exerzierplatzes Schmelz als gutbürgerliches Luxusviertel, als Insel in einem Arbeiter:innen-Bezirk, mit großzügigen Alleen und Plätzen erbaut worden war. Dieses Viertel, das mit seiner Geschichte die Entwicklungen und politischen Umbrüche der letzten hundert Jahre auf besondere Weise spiegelt, ist eigentlich einer eigenen ausführlichen Betrachtung wert, die ich gerne bei Gelegenheit einmal in geeigneter Form nachholen möchte.Wir gehen an der vorhin erwähnten Christkönigskirche und dem angeschlossenen Montessori-Kindergarten vorbei auf den mir sehr vertrauten Kriemhildplatz, der nun schon seit mehr als 25 Jahren mein Wohnort ist.
Am oberen Ende des Kriemhildplatzes, dort wo nun eine Filiale des Etsan Supermarkts seine Verkaufsflächen hat, entstand 1913 das „Schul- und Reformkino“, das damals als eines der größten und schönsten Wiener Kinos galt. In Folge wurde es in „Universumkino“ umbenannt und schloß nach einer wechselhaften Geschichte im Februar 1970 endgültig seine Pforten.
Wir gehen weiter, queren die S-Kurve am Übergang der Schweglerstraße zur Camillo-Sitte-gasse, und gelangen – vorbei am roten Zelt des vor drei Jahren hier eingerichteten Fahrradübungsplatzes – auf jenes Gelände, das von den einst weitläufigen Wiesen- und Ackerflächen der Schmelz überblieb.
Wir betreten damit die Kleingartensiedlung, die mit den „Schutzhaus zur Zukunft“ und seinem großen Gastgarten im Zentrum den östlichen Teil dieses heutigen Schmelzgeländes einnimmt. Eine Kleingartensiedlung, die ursprünglich aus illegaler Landnahme gegen Ende des Ersten Weltkriegs entstand, die dann ab 1920 durch die Stadt Wien in eine legalisierte Form der Kleingartensiedlung gebracht wurde wurde.
Einer der frühen Nutzer dieser Siedlung war übrigens der spätere Bundespräsident Adolf Schärf, der hier von 1921 bis 1959 einen Kleingarten bewirtschaftete.
Die Schmelz als einstiger "Wilder Westen" Wiens
Zuvor war dieses Gelände in der Monarchie Exerzierplatz des Militärs, eine Gstetten, eine wilde Heidelandschaft mit Hügeln und Furchen, die damit auch Erholungsraum für die Bevölkerung in den dicht bebauten Bezirken Ottakring und Fünfhaus mit ihren desolaten Wohnverhältnissen war. Als Ort zum Ausruhen und Luftschnappen, zum Tarockieren auf improvisierten Tischchen ebenso wie als Rendevouz-Treffpunkt für jungverliebte Paare, als Abenteuerspielplatz für Kinder und Jugendliche und als Sportplatz für den neu aus England importierten Fußballsport. Und wie bereits vorhin erwähnt, liegen auch die Wurzeln von Rapid Wien auf diesen Feldern.
Zugleich war die Schmelz aber auch Feld für Kinder- und Jugendbanden, den sogenannten „Platten“, und deren Bandenkriege. Und galt vor allem in der Nacht als unsicheres und gefährliches Gebiet.
Die heutige penible Ordnung der Kleingartensiedlung lässt diese deviante und anarchische Geschichte des ehemaligen „Wilden Westens“ von Wien nicht einmal mehr erahnen.
Wir nähern uns nun dem Endpunkt unseres heutigen Bildungsspaziergangs,
am westlichen Ende der heutigen Schmelz: Dort entstand 1973 neben dem Universitäts-Sportzentrum und den Sportanlagen des ASKÖ das Gymnasium „Auf der Schmelz“, das GRG 15.
Das Gymnasium auf der Schmelz: Offenheit und Vielfalt
Der geometrische Betonbau mit seinen rechtwinkelig sich gabelnden Gebäudearmen, die an ein großes, offenes und multifunktionales Atrium andocken, erinnert ein wenig an eine hier gelandete Raumstation.
Die Schule begrüßt die Ankommenden wie Vorbeigehenden mit einer klaren Botschaft auf einem Transparent über dem Eingang: „Educate your sons!“ Eine Haltung, die für mich gut in meine Wahrnehmung der Kultur dieser Schule passt, die vor allem von Offenheit und Vielfalt geprägt ist. Zumindest habe ich das so erlebt, als unsere Tochter acht Jahre lang diese Schule besuchte und dort dann auch 2013 maturierte.
Und was ich auch im aktuellen Leitbild der Schule wiederfinde, das mit den Sätzen beginnt: „Wir stärken Identität und fördern Individualität. Integration nimmt auf verschiedenste Kompetenzen und Bedürfnisse Rücksicht. Kinder aus verschiedenen Kulturkreisen, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Identitäten sollen bei uns Platz finden und sich wohlfühlen.“
Wer mich kennt, weiß, dass solche Aussagen mir voll aus dem Herzen sprechen. Weil es für mich genau darum bei guter Bildungsarbeit geht, die Kinder und Jugendliche in ihrer Vielheit positiv wahrnimmt und in den Mittelpunkt stellt.
Und darum finde es auch einen wunderbar passenden Schluss für den heutigen Bildungsspaziergang, der uns vom Bücherschiff am Gürtel bis hierher zum Gymnasium auf der Schmelz geführt hat.
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Literaturhinweise:
- Wien Geschichte Wiki: Hauptbücherei.
- Lesen über dem Gürtel. Hauptbücherei Wien. Ö1 Beitrag vom 28.5.2028.
- Wilhelm Kainrath,, Friedl Kubekla-Bondy und Franz Kuzmich: Die alltägliche Stadterneuerung : Drei Jahrhunderte Bauen und Planen in einem Wiener Außenbezirk. Verlag Löcker 1984.
- Christine Klusacek, Kurt Timmer: Rudolfsheim-Fünfhaus. Zwischen Wienfluß und Schmelz. Verlag Kurt Mohl 1978.
⁃ Wolfgang Madertaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus 2000.