Die Glocksee Schule in Hannover (1): Ein Reformmodell angstfreien und selbstregulierten Lernens. | Blog | Mario Rieder

Die Glocksee Schule in Hannover (1): Ein Reformmodell angstfreien und selbstregulierten Lernens.

„Es gab keinen Stundenplan, keine Zeugnisse, keinen Pausengong. Die Teilnahme an den Angeboten der Lehrer war freiwillig; Wer wollte, ließ sich vorlesen statt lesen zu lernen, spielte Gitarre, Fußball oder in den halb kaputten Autos der Werkstatt, die sich neben dem Unabhängigen Jugendzentrum Glocksee auf dem Gelände angesiedelt hatte. Glocksee war Abenteuer. Und manchmal abenteuerlich.“

So erinnert sich die Journalistin Julia Braun an ihre Zeit als Schülerin an der Glocksee Schule. Und wie sie das Lernen im Abenteuer Glockseeschule erlebte, beschreibt sie an einem Beispiel so:

„Immer häufiger nutzten wir die Möglichkeit, Themen für die Glocksee-typischen Projektarbeiten anzuregen. Als wir in der 5. Klasse mit „AKW? Nee!“-Buttons an unseren Jeansjacken durch die Straßen liefen, stießen wir immer wieder auf ältere Leute, die uns wütend bepöbelten: Wir Rotzlöffel wüssten doch gar nicht, wovon wir redeten. Daraus entstand unser ‚Energie-Projekt’.
In den folgenden Wochen besichtigten wir ein Kohlekraftwerk, bauten Sonnenkollektoren und bekamen die komplexen Vorgänge der Kernspaltung erklärt. Das war keineswegs Unterrichtsstoff der 5. Klasse, doch wir begriffen die physikalischen Abläufe in einem Atomkraftwerk, weil wir es wollten. Und bei der nächsten Pöbelei auf der Straße Argumente haben würden. Ganz nebenbei hatten die Lehrer zahlreiche Schulfächer in einem Projekt vereinen können.“


Ungefähr zur selben Zeit, als Julia Braun diese spannenden Lernerfahrungen als Schülerin an der Glockseeschule machte, also Ende der 1970er Jahre, studierte ich an der Uni Innsbruck und arbeitete in einer Studienkommission an der Neugestaltung der pädagogischen Ausbildung mit. Ich hatte im Zuge dieser Aufgabe recherchiert, was es denn an alternativen Modellen für das Lernen in der Schule gebe, auch als Alternative dazu, wie ich Schule selbst erfahren hatte.
Und ich erhielt dann erste ermutigende Impulse aus einem damals aktuellen Rowohlt Sammelband mit dem Titel: „Schulen, die ganz anders sind - Erfahrungsberichte aus der Praxis für die Praxis“, in dem u.a. die Arbeit der Freien Schule Essen, der Werkschule Berlin oder eben auch der Glockseeschule in Hannover beschrieben wurden. Wodurch mir zum ersten Mal bestätigt wurde, dass Schule und Lernen tatsächlich auch ganz anders funktionieren kann.
Die damalige Reform der Lehramtsausbildung führte übrigens zwar zu mehr Praxisnähe, blieb aber - fast erwartungsgemäß - grundsätzlich im Rahmen des (bis heute) vorherrschenden Verständnisses von Schule und der Rolle von Lehrer:innen verhaftet.


Die Entstehung der Glockseeschule

Die Glockseeschule war zum damaligen Zeitpunkt gut fünf Jahre alt, und arbeitet heute nun schon seit über fünfzig Jahren, und das sehr erfolgreich.
Sie entstand im Kontext der 1968er Bewegung, aus einer gewerkschaftlich unterstützten gemeinsamen Initiative von Eltern, Lehrer:innen und Wissenschaftler:innen. Ausgehend von den Erfahrungen aus den selbstorganisierten und antiautoritären Kinderladen Projekten, mit dem Anliegen, für Kinder ein reformpädagogisches schulisches Umfeld zu schaffen. Im Sinne der gesellschaftspolitischen Ziele der 1968er Bewegung als Gegenmodell zu den autoritären und starren Verhältnissen in den bestehenden Schulen und als Freiraum innovativen pädagogischen Handelns.

Für Oskar Negt, der in die Gründung und Ermöglichung dieses Projekts zentral involviert war, war es von Anfang an ein wichtiges Anliegen, dass dieses Schulprojekt nicht wie andere Alternativschulen als Privatschule geführt wurde, sondern als öffentliche und staatlich finanzierte Schule. Und er konnte es tatsächlich mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft bei Politik und Behörden erreichen, dass die Glockseeschule als offiziell anerkannter und finanzierter Schulversuch starten konnte.
Und er konnte zudem ermöglichen, dass das Projekt auch über mehrere Jahre hinweg wissenschaftlich begleitet wurde, inklusive der Finanzierung einer eigenen wissenschaftlichen Stelle für diese Begleitforschung.

Die Glockseeschule ist inzwischen seit längerem gesetzlich verankert, als staatliche Gesamtschule für die 1. bis 10. Schulstufe mit besonderem pädagogischen Angebot - und ist somit die einzige staatlich vollfinanzierte Alternativschule Deutschlands.
Vorrangiges Ziel der Glockseeschule war und ist bis heute dabei, ein Umfeld zu schaffen, in dem Kinder ohne Druck und ohne Angst lernen und sich entwickeln können. Und das wesentliche pädagogische Grundprinzip ist Selbstregulierung.


Angstfreies Lernen


Das heißt die Gestaltung des Unterrichts erfolgt radikal aus der Perspektive von Kindern, ausgehend von deren Lernmotivation und deren sozialer und emotionaler Bedürfnisse. Und stellt daher selbstgesteuertes offenes Arbeiten, Exemplarisches Lernen und Projektunterricht in den Mittelpunkt.

Dieser Zugang zu Lernen entspricht damit genau jenen schon lange bekannten Erkenntnissen der Lernforschung, etwa des bekannten Neurobiologen und Lernforschers Gerald Hüther, dass Lernen nicht von außen „erzeugt“ werden kann - sondern nur dann sinnvoll funktioniert, wenn es ohne äußeren Druck und Zwang, durch Interesse, durch Neugier und Freude am Entdecken und Gestalten ausgelöst wird.
Und Gerald Hüther betont immer wieder, wie wichtig es ist, Kindern von Objekten des Lernens zu Subjekten ihres eigenen Lernens zu machen: „Kinder lernen immer, indem sie sich zu dem, was es in der Welt zu entdecken gibt, in Beziehung setzen. (…) Und wie bei uns Erwachsenen ist die Bereitschaft von Kindern, sich etwas Neues einzulassen und etwas Neues auszuprobieren, umso größer, je sicherer sie sind und je größer das Vertrauen ist.“
Hüther warnt, dass jede Art von Verunsicherung, von Angst und Druck kontraproduktiv ist, weil das neurobiologisch dazu führt, dass nichts Neues hinzugelernt und im Gehirn verankert werden kann, oft sogar bereits Erlerntes dann nicht mehr erinnert und genutzt werden kann.
Und er macht uns klar: „Schülergehirne sind keine Fässer, die man mit Wissen füllen kann. Schüler nutzen ihr Gehirn ständig, um zu lernen. Aber sie lernen nicht unbedingt das, was Eltern, Lehrer oder Schulbehörden für wichtig halten.“

Ein Satz, der eigentlich eingerahmt und zentral in jeder Schule und in jeder Bildungsbehörde gut sichtbar aufgehängt werden sollte.

In der Umsetzung in der Glocksee Schule bedeutet das, dass ein Rahmen geschaffen wird, der sich zentral von dem unterscheidet, wie Schule üblicherweise gestaltet und strukturiert wird. Was diesen Unterschied ausmacht, lässt sich aus meiner Sicht aus vier Eckpunkten beschreiben, die diesen Rahmen aufspannen und die die spezielle Qualität der Freiräume des Lernens an dieser Schule begründen:

Erstens die völlige Abwesenheit von klassischen Bewertungen durch Tests und Noten - und damit auch des Wegfalls der damit verbundenen lernhinderlichen Druck- und Stresssituationen, inkl. der Androhung des „Sitzenbleibens“.


Zweitens die Organisation des Lernens in offenen Formen, ohne die übliche eigentlich schon längst überholten Fächer- und Stundenlogik, verbunden mit der Auflösung der üblichen Schulorganisation in Form von Jahrgangsklassen in einer Schulstufenlogik. Statt dessen gibt es
altersgemischte Lerngruppen für die Jahrgänge 1 bis 3, 4 bis 6 und 7 bis 10. Die drei Stufen bauen aufeinander auf, die Kinder wechseln jeweils in die Folgestufe. In diesen bewusst heterogen zusammengesetzten Gruppen lernen die Kinder mit- und voneinander – in der Gruppe ebenso wie ganz individuell. (Etwas wir ansatzweise, leider viel zu wenig und viel zu punktuell und als Insellösung in der Organisationsform der Mehrstufenklassen kennen.)
Der stark projektorientierte schulische Ablauf wird offen und flexibel gemeinsam geplant und es ist weitgehend der autonomen, freiwilligen Entscheidung der Kinder überlassen, wann, wo und wie sie sich in diese Angebote einbringen.

Drittens gibt es im Sinne der Demokratiebildung und des sozialen Lernens eine konsequente Beteiligungskultur durch ein durchgängiges Aushandeln im Miteinander Lernen und Arbeiten. Es gibt daher kein festes Regelwerk für dieses Miteinander wie eine vorgegebene Schulordnung, sondern eine Kultur der Gespräche, Aushandlungen und Vereinbarungen, die sich an den jeweiligen Beteiligten und an der aktuellen Situation orientiert. Gerade auch im Miteinander zwischen den Kindern und Jugendlichen, auch beim Austragen und Lösen von Konflikten.
Die Rolle der Erwachsenen ist dabei zurückhaltend - deren Aufgabe ist es, diese sozialen Prozesse zu begleiten, bei Bedarf zu unterstützen oder zu moderieren. 

Und viertens wird auch der räumlichen Gestaltung und architektonischen Strukturen der Schule in Hinblick auf die pädagogischen Ziele großes Augenmerk gegeben. Denn eine warme, kindgerechte Architektur trage viel zum Klima einer Schule bei, so Oskar Negt. Gemäß dem schwedischen Sprichwort, ein Kind habe drei Lehrer: Der erste seien die anderen Kinder, der zweite der Lehrer und der dritte der Raum.
Und er stellt fest, dass schon beim Betreten eines Schulgebäudes erkennbar werde, ob dieses die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt stelle und Kinder dort Subjekte des Lernens sind. Oder ob im Gegensatz die Schule nach Maßstäben der Verwaltung und der Lehrerkontrolle organisiert ist und das Schulgebäude ausschließlich nach Kriterien der Funktionalität und Sachlichkeit ausgerichtet sind. Gebäude ohne dezentralisierte Einheiten, ohne Ecken, ohne Stellen, wo man sich ausruhen und zurückziehen kann, ohne Orte, die Kinder für sich in Besitz nehmen können.
Kinder jedoch bräuchten auch verwinkelte Strukturen, Rückzugsräume und ungenutzte Ecken, die sie für ungeplante Zwecke selbstbestimmt nutzen können. Und auch die Möglichkeit, sich diese Räume anzueignen und mitzugestalten. In alle Glockseeschulgebäude waren zum Beispiel Hängeböden eingezogen, in die sich die Kinder gerne zurückzogen.

Die konkrete Organisation und Gestaltung des Unterrichts und die Abläufe in der Glockseeschule auf diesen Grundlagen haben sich im Lauf der fünfzig Jahre natürlich durchaus immer wieder verändert hat, aus Erkenntnissen der reflektierten Praxiserfahrungen ebenso wie aufgrund sich verändernder Rahmenbedingungen.

Nicht zuletzt hat sich das aus der schrittweise Erweiterung der Schule und damit der Zielgruppen auf höhere Schulstufen, bis hin zur 10. Schulstufe, ergeben. Mit einer entsprechenden Anpassung der Unterrichtsorganisation an diese Altersgruppen und Schulstufen, vor allem in der 10. Schulstufe, in der es schlußendlich aufgrund der externen Anforderungen aus dem Schulsystem auch erstmals Noten in der Glockseeschule gibt - in Hinblick auf die vorgesehenen formalen Schulabschlüsse. Denn nach den zehn Schuljahren können Jugendliche individuell entscheiden, ob sie den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss oder den qualifizierten Sekundarstufen-Abschluss machen, der ihnen den Besuch einer gymnasialen Oberstufe ermöglicht. Und viele Glocksee-Schüler:innen wollen und schaffen das - etwa zwei Drittel der Schüler:innen absolvieren im Anschuss das Abitur.
Die Grundprinzipien der pädagogischen Arbeit und der Schulorganisation in der Glockseeschule in Hinblick auf angstfreies Lernen, Lernmotivation und Selbstregulierung sind bei allen Veränderungen jedenfalls bis heute dieselben geblieben und prägen weiterhin über alle Altersgruppen hinweg den Schulalltag.


Der Schulalltag in der Glockseeschule


Wie sieht nun die Umsetzung dieser Grundprinzipien im Alltag der Glockseeschule aus? Ich möchte beispielhaft ein paar typische Einblicke vermitteln und greife dabei im Folgenden unter anderem auf zwei Studienarbeiten aus den Jahren 2003 bzw. 2005 zurück, die sich mit diesem Unterrichtsalltag in der Glockseeschule auseinandergesetzt haben (siehe Literaturhinweise.

In der Unterstufe beginnt dieser Schultag mit einer gleitenden Anfangsphase, die von den Kindern ganz offen und unterschiedlich genutzt wird - etwa als Spielen oder Lesen, als Erzählen und Berichten von Erlebnissen, als Beschäftigung mit den ausliegenden Materialien, und zwar sowohl zwischen den Kindern als auch mit Einbeziehung der Pädagog:innen.

Dieser offene Anfang war und ist der Glocksee-Schule bis heute wichtig, um die Kinder in Ruhe und mit ihren individuell auf unterschiedlichen Bedürfnissen ankommen lassen, wie es auch der Schulleiter Holger Braun in einem Interview beschreibt: „Manche sind sehr aufgedreht, die kommen erst einmal runter, andere sind noch verschlafen, die werden jetzt wach.“

Dann folgt der erste Fixpunkt des Tages: die morgendliche Klassenversammlung. Dort stellen die Lehrkräften die Angebote des Tages vor und diskutieren und planen mit den Kindern die inhaltliche und zeitliche Organisation des Tages. Die Schüler:innen äußern dabei, woran sie arbeiten möchten und in welchen Arbeits- und Sozialformen. Daraus resultieren entsprechend der unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse ebenso unterschiedliche individuelle Tagesabläufe, mit einigen gemeinsamen Fixpunkten.
Aufgrund der verschiedenen Interessen, aber auch der persönlichen sozialen Beziehungen kristallisieren sich bestimmte Gruppen, die sich auch immer wieder verändern und vermischen.

Auch die zwischen dem offenen Lernen und Arbeiten angesetzten festgelegten „verpflichtenden Arbeitsphasen“ zur Sicherung der Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen sind konsequent Schüler:innen orientiert. Anstelle eines vorgegebenen Lerngleichschritts aller Kinder berücksichtigen sie die sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, Lerntempi und Lernstrategien. In ihnen wird daher sehr binnendifferenziert sowohl in kleineren Gruppen als auch einzeln, jeweils begleitet und unterstützt durch Pädagog:innen gearbeitet.

Oder wie es Schulleiter Holger Braun beschreibt: „Wir machen den Schülern Angebote. Was sie wann lernen, entscheiden sie selbst. Die Lehrer begleiten diesen Prozess, bei dem der eine Schüler mehr, der andere weniger Unterstützung braucht.“
Auch das Lerntagebuch, in dem die Schüler ihre Arbeitsschritte protokollieren, helfe bei dieser Form des selbstständigen Lernens. Und er ergänzt: „Wir schauen, was jedes Kind mitbringt und würdigen das. Das Kind soll sich nicht an die Institution anpassen müssen, sondern umgekehrt.“

Auch so ein Satz, der nicht oft genug allen bewusst gemacht bzw. ins Bewusstsein gerufen werden kann, die Schule gestalten und organisieren, in der Bildungspolitik ebenso wie in der konkreten pädagogischen Arbeit.

Ich möchte die heutige Folge abschließen mit einem Beispiel, das für mich großartig beschreibt, dass und wie Vertrauen in Selbstregulierung an Schule funktionieren kann und wie das an der Glockseeschule gelebt wird:

Oskar Negt erzählt von einem Fall von Zwillingen, die regelmäßig und pünktlich in der Schule erschienen, aber nichts von dem, was sie am Körper trugen, ihre Brotbeutel, ihre Mäntel, an der Garderobe des Klassenzimmers abzugeben bereit waren. Tag für Tag liefen sie in voller Montur durch die Schule, betätigten sich zwar als interessierte Beobachter, beantworteten aber jede Aufforderung zur Teilnahme mit einem Kopfschütteln.
Das ging so sechs Monate, und inzwischen waren nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrer:innen und die wissenschaftliche Begleitung beunruhigt. Die Hilflosigkeit war allen anzumerken. Doch eines Tages ging es wie ein Lauffeuer durch die Schule: Die Zwillinge hätten ihre Mäntel und Taschen den öffentlichen Garderoben überantwortet, ihren unsteten Marsch durch die Institutionen abrupt beendet und nahmen von nun an an verschiedenen Projekten teil. Beide haben schließlich Abitur gemacht und studiert.

***

Literaturhinweise


- Raoul Festante: Einführung in das pädagogische Konzept der Glocksee-Schule. Hausarbeit, Universität Hannover 2003
- Gerald Hüther: Mit Freude lernen - ein Leben lang. Weshalb wir ein neus Verständnis vom Lernen brauchen. Vandenhoeck & Ruprecht 2016
- Oskar Negt: Philosophie des aufrechten Gangs: Streitschrift für eine neue Schule. Steidl 2014
- Berit Schmaul: Die Glocksee-Schule in Hannover im Spektrum integrativer Schulpädagogik. Studienarbeit, Universität Köln 2005.

- Glocksee: Als eine neue Idee Schule machte. Neue Presse vom 04.06.2018.
- Glockseeschule heute: Mit Atemübungen durch den Tag. Neue Presse vom 04.06.2018.