Der Weg der VHS Wien von der Strukturreform zu innovativen Leuchtturmprojekten | Blog | Mario Rieder

Der Weg der VHS Wien von der Strukturreform zu innovativen Leuchtturmprojekten

Die heutige Reise in die Geschichte der Wiener Volkshochschulen führt uns zunächst zurück in den März 2008.
Nach dem unerwarteten Tod von Wolfgang Bandhauer, mitten im Strukturreformprozess, hatte ich mich entschlossen, die Herausforderung anzunehmen und mich für seine Nachfolge zu bewerben - um diese Reform in unserem gemeinsamen Sinn weiterzuführen, trotz des Gegenwinds, der mir von mancher Seite dabei entgegen blies.
Und ich konnte mich dann schlussendlich als Kandidat in diesem Bewerbungsverfahren durchsetzen.


Der Reformprozess nimmt wieder Fahrt auf

Ich war nun also neu bestellter Geschäftsführer. Und die Situation war herausfordernd.

Erstens weil durch den plötzlichen Tod von Wolfgang Bandhauer ein auch formales Vakuum in der soeben gegründeten Wiener VHS GmbH entstanden war. Es waren noch keine vertretungsbefugte Personen wie Prokurist:innen bestellt worden und die neue GmbH war somit bis zur Neubestellung einer Geschäftsführung gesellschaftsrechtlich nicht handlungsfähig. Es konnten weder Verträge abgeschlossen noch Bankkonten eröffnet werden. Der gesamte operative Betrieb musste vorübergehend weiter über die an sich bereits in Fördervereine umgewandelten Trägervereine in den Bezirken laufen. Und auch die fünfjährige Finanzierungsvereinbarung mit der Stadt Wien konnte noch nicht unterschrieben werden.

Und zweitens war auch inhaltlich der Reformprozess in diesen beiden Zwischenmonaten mehr oder weniger auf standby und somit ins Stocken geraten.

Das heißt, es gab einen massiven Rückstau sowohl auf formaler wie auch auf inhaltlicher Ebene. Der nun rasch abgearbeitet und aufgelöst werden mussten. Und die dringliche Notwendigkeit, dass der Reformprozess rasch wieder volle Fahrt aufnimmt.

Der rechtliche Rahmen und die strukturelle Grundlagen waren durch die Beschlüsse und die Gründung der neuen VHS GmbH Ende 2007 gesetzt. Nun galt es, das auch organisatorisch und inhaltlich umzusetzen bzw. im Alltag zu verankern und das Gemeinsame auch tatsächlich zu leben. Wobei letzteres wie immer in solchen Fällen die größte und langwierigste Herausforderung darstellte.

Vieles war dabei parallel zu lösen, um die Ziele zu erreichen.
Zunächst einmal durch klare gemeinsame Regeln und ein koordiniertes Agieren, etwa durch eine verbindliche Harmonisierung der Preis- und Ermäßigungssysteme, der Kursformate und Kursbezeichnungen und durch einen gemeinsamen Außenauftritt - v.a. allem auch im Sinne der Klarheit für die Kursteilnehmer:innen angesichts der bis dato bestehenden, vielleicht kreativen, aber verwirrenden Vielfalt der Bildungsangebote der einzelnen VHS Standorte. Und im Hintergrund durch gemeinsame EDV-Systeme, von der Kurverwaltung inklusive standortübergreifender Online- Buchungsmöglichkeiten bis hin zu Mailservern und Telefonsystemen.

Diese organisatorischen Maßnahmen waren aber lediglich eine notwendige Voraussetzung, um die eigentlichen inhaltlichen, also bildungspolitischen Ziele anzugehen. Da ging es vor allem auf eine Refokusierung der Bildungsarbeit der VHS auf ihren Kernauftrag. Der nun auch durch die Finanzierungsvereinbarung mit der Stadt Wien expliziter als bisher definiert war.


Mehr Zelte statt Burgen

Ein zentraler Aspekt war dabei erstens die verstärkte aktive Öffnung unserer Arbeit zu Zielgruppen, die vor allem auch aus sozialen Gründen erschwerten oder kaum Zugang zu Bildung hatten. Ganz im Sinne der ursprünglichen historischen Ausrichtung der Arbeit der Volksbildung in Wien, wenn auch in neuer, zeitgemäßer Form. Durch zielgruppenorientierte Angebote, durch die Veränderung der Kommunikation und nicht zuletzt durch aufsuchende Bildungsarbeit.

Eng damit verbunden war zweitens die bewusste interkulturelle Öffnung der Wiener Volkshochschulen in Richtung bewusst gestalteter und aktiv geförderter Diversität, sowohl was die Angebote und Leistungen der VHS als auch intern die Personalentwicklung betraf. Um damit den verschiedenen Lebensrealitäten in Wien als weltoffene, kulturell und sozial vielfältige sowie mehrsprachige Metropole entsprechenden Stellenwert und Raum zu geben.

Und drittens, ebenfalls eng damit verbunden, die aktive Zusammenarbeit und Vernetzung unserer Arbeit mit dem Umfeld in der Stadt Wien in den Bereichen Bildung, Jugendarbeit, Integration und Arbeitsmarkt - und mit den entsprechenden Kooperationspartner:innen in diesem Umfeld, von der MA 17, der Abteilung für Integration und Diversität über den Stadtschulrat bis zum Wiener Arbeitnehmer:innen Förderungsfonds (WAFF).
Und ebenso die Zusammenarbeit mit engagierten NGOs und Vereinen in diesen Bereichen, in die wir die infrastrukturellen und organisatorischen Potenziale der VHS ebenso wie unsere inhaltlichen Kompetenzen als wichtige Resource einbringen konnten. In Abkehr von einer abgrenzenden „mia san mia“ Haltung, die in der Vergangene oft das Agieren der Wiener Volksbildung charakterisiert hatte.

Dieser Aufbruch zur Öffnung stand für mich auch unter dem Motto „mehr Zelte statt Burgen“.

Was ich damit meinte: In der ersten Republik war die schrittweise Errichtung von großen, attraktiven Volksbildungsbauten, die gemeinsam eine Art Festungsring der Bildung in Wien bildeten, ein wichtiger Schritt der Manifestation und selbstbewussten Sichtbarmachung der Volksbildung.
Jetzt, im 21. Jahrhundert waren gut ausgestattete Bildungszentren der VHS weiterhin ein wichtiges Fundament unserer Arbeit, ausgehend von diesen ging es nun aber verstärkt darum, im Sinne der aufsuchenden Bildungsarbeit bzw. des projektorientierten Arbeitens in Richtung mobiler und flexibler „Zelte“ der Bildung zu denken, die bedarfsorientiert aufgeschlagen werden konnten, aber auch immer dem Bedarf angepasst bzw. mit diesem mitwandern konnten.
(Interessanterweise hatte der Volksbildner und Kulturpolitiker Viktor Matejka bereits in den 1930er Jahre tatsächlich über Kultur- und Volksbildungszelte im durchaus wörtlichen Sinn nachgedacht, wie ich später in seinen Erinnerungen nachlesen sollte. Mein VHS-intern geprägtes Bild der „Burgen und Zelte“ war also nicht neu, wenn auch völlig unabhängig davon entstanden.)
Eines der speziellen zu lösenden Themen in diesem Zusammenhang war die organisatorische und inhaltliche Integration der Veranstaltungsstätten in den sogenannten „Häusern der Begegnung“, die vor allem in den den 1970er Jahren errichtet und bei den Wiener Volkshochschulen angedockt worden waren, aber oft ein starkes Eigenleben ohne Koppelung mit dem Bildungsbetrieb führten, was auch immer wieder zu Interessenkonflikten führten.

Darüber hinaus galt es, zeitgemäße und neue Nutzungskonzepte für diese Veranstaltungszentren zu entwickeln und durchzusetzen, die sich wieder stärker am bildungspolitischen Auftrag der VHS bzw. an kommunalen sozialpolitischen Anliegen orientierten, etwa im Bereich der Kultur- oder Jugendarbeit, und damit hinsichtlich der Nutzung wieder stärker zu öffnen. Ein äußerst schwieriges Vorhaben, das im Spannungsfeld sehr unterschiedlicher (Einzel)Interessen stand und aus meiner Sicht bis heute nur ansatzweise gelöst ist.



Werner Gruber und das Planetarium

Ein anderes Thema war die Zusammenführung und Neuaufstellung der astronomischen Einrichtungen in den Wiener Volkshochschulen, sprich des Planetariums, der Urania Sternwarte und der Kuffner Sternwarte in Ottakring. Ein Projekt, mit ich ich schon von Wolfgang Bandhauer federführend beauftragt worden war und das ich zunächst einmal organisatorisch auf der Basis dieser Vorarbeiten nun rasch umsetzen konnte.

Ein entscheidender inhaltlicher Sprung gelang dann ein paar Jahre später, als ich Werner Gruber für deren Leitung gewinnen konnte. Es war - wie oft im Leben - zunächst ein zufälliger Moment, der dazu führte. Werner und ich kamen am Rand einer Fördervereinssitzung miteinander ins Gespräch, und er bot mir auf sein typisch direkte Art an, die Leitung des Planetariums in ein paar Jahren zu übernehmen, falls dann diese Funktion neu besetzt werden sollte. Ich antwortete ihm, ich könnte ihn sehr gut dort brauchen, aber nicht erst in ein paar Jahren, sondern aufgrund der aktuellen Situation im Planetarium so rasch wie möglich. Werner Gruber bewarb sich in Folge für diese Funktion und übernahm dann Anfang 2013 tatsächlich die Leitung.

Das war dann nicht nur der Beginn einer ebenso spannenden wie produktiven Arbeitsfreundschaft, sondern vor allem eines massiven Aufschwungs der astronomischen Einrichtungen der VHS und der Popularisierung naturwissenschaftlicher Bildung an den Wiener Volkshochschulen im besten Sinn.


Innovative Projekte und öffentliche Aufträge

Überhaupt begann ab diesem Zeitpunkt, also ab etwa 2012, die bis in mühsamer Kleinarbeit und gegen den auf vielen Feldern leider weiter anhaltenden Gegenwind ausgebrachte Saat nun wirksam und produktiv in spannenden neuen Bildungsprojekten und Aktivitätsfeldern aufzugehen.

Was für die Zukunft der VHS nicht nur aus meiner Sicht eine entscheidende Weichenstellung war - denn im gesamten Bereich großstädtischer Volkshochschulen im deutschen Sprachraum verstärkte sich die Wahrnehmung, dass diese Zukunft nicht mehr einseitig auf den klassischen Kursbereich aufbauen konnte. Aufgrund der starken Veränderungen des Bildungsmarktes und des Auftauchens neuer Player befanden sich die Volkshochschulen dort immer mehr in der Defensive und wurden dort immer mehr zurückgedrängt. Und hatten auch aufgrund ihrer Strukturen und Ausrichtung nur eingeschränkt Chancen, in diesem Wettbewerb mitzuhalten und zu bestehen.

Die Zukunft der Volkshochschulen liege daher, so diese Einsicht, verstärkt im Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge und öffentlicher bildungspolitischer Aufträge, auf die sich die Arbeit stärker orientieren müsse.
Die Wiener Volkshochschulen wurden dabei in einer Pionierrolle gesehen und deren Strategien und Entwicklungen mit großen Interesse wahrgenommen.

Ein erster großer Schritt in dieser Richtung war die zentrale Rolle der Wiener Volkshochschulen bei der Entwicklung und Umsetzung der von der damaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied initiierten sogenannten „Initiative Erwachsenenbildung“ ab 2012, ein österreichweites Förderprogramm für Basisbildung und das Nachholen des Pflichtschulabschlusses.
Ich hatte die Chance, in der vorbereitenden Bund-Länder-Arbeitsgruppe Wien zu vertreten und mit unseren Erfahrungen und Konzepten bei der Entwicklung dieses Programms maßgeblich mitzuwirken. Und die Wiener Volkshochschulen trugen als österreichweit weitaus größter Träger auch wesentlich aktiv zum gelingenden Start dieser Initiative bei und dazu, diese erfolgreich ins Laufen zu bringen.


BBE Deutsch, Gratis Lernhilfe und Jugendcollege

Dem folgten nun in relativ rascher Abfolge weitere wichtige bildungspolitische Leuchtturmprojekte, in denen die VHS immer wieder Neuland betrat:

2013 setzen wir erstmals einen Fuß in den Bereich arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, und das gleich sehr wirkungsvoll mit unserer Expertise im Bereich Sprachberatung und Deutschförderung, und zwar mit der sogenannten „ Beratungs- und Betreuungseinrichtung Deutsch“ (BBE Deutsch). Aufgabe war es, in maßgeschneiderten Testsettings und persönlichen Gesprächen potenzielle AMS-Deutschkurs-Teilnehmer:innen zu beraten und sie in jeweils jene Deutschkursmaßnahme zu vermitteln, die am besten für die jeweiligen individuellen Voraussetzungen und Ziele geeignet ist.

In allerkürzester Zeit mussten die entsprechenden Test- und Beratungsstrukturen entwickelt und organisiert werden, für zunächst etwa 10.000 Personen pro Jahr, später dann noch weitaus mehr. Auch wenn uns anfangs eine gewisse Skepsis entgegenschlug, weil die VHS gerade in diesem Feld noch als eher verstaubt galt, konnten wir das AMS Wien überzeugen, dass wir das professionell und qualitätsvoll umsetzen können - und wir schafften das dann auch ebenso überzeugend.
Den nächsten großen Schritt setzten wir mit der 2014/2015 startenden Wiener Gratis-Lernhilfe „Förderung 2.0“. Ich wurde vom damaligen Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch gefragt, ob die VHS in einem angedachten finanziellen Rahmen eine flächendeckende Lernhilfe für Schüler:innen an Wiener Mittelschulen auf die Beine stellen könnte - und nach wenigen Tagen Bedenkzeit sagte ich zu. Und wir schafften es dann auch tatsächlich, in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und dem Wiener Stadtschulrat auch hier in kürzester Zeit, sprich innerhalb von einem halben Jahr, sozusagen von Null auf Hundert diese Lernhilfe wienweit erfolgreich funktionierend auf die Beine zu stellen.

Auch wenn wie bei der Umsetzung zunächst durchaus auf gewisse abwehrende Vorbehalte sowohl VHS-intern als auch an Schulen stießen, die wir dann aber schrittweise weitgehend ausräumen konnte. Und ich freue mich, dass dieses Programm (ebenso wie die BBE Deutsch) auch heute, mehr als zehn Jahre später, erfolgreich weiter läuft - und aus dem Schul- und Lernalltag in Wien inzwischen nicht mehr wegzudenken ist - als wichtiger Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit für Kinder und zur Entlastung von Eltern und Familien.

Ganz besonders durch ein ursprünglich nicht vorgesehenes, von mir eher spontan entworfenes Nebenprodukt, die sogenannten „Lernstationen“ an Volkshochschulen, zu denen Schüler:innen ohne bürokratischen Aufwand, d.h. ohne Voranmeldung kommen konnten, um ihre Fragen zu stellen und sich fachlichen Rat zu holen - und damit eine besonders offene, niederschwellige Bildungsmaßnahme.

Ja, und das letzte innovative Großprojekt, dass ich noch in den letzten Monaten in meiner Geschäftsführertätigkeit gut auf den Weg bringen konnte war das „StartWien Jugendcollege“. Dieses Projekte sollte systematische, schulähnliche Bildungswege für jugendliche Migrant:innen ermöglichen, vorwiegend Asylwerber:innen und Asylberechtigte, die nicht mehr schulpflichtig waren. Mit dem Ziel, diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einem modularen System für den Einstieg in eine weiterführende Schule oder eine berufliche Ausbildung vorzubereiten und zu stärken.

Auch hier betraten wir völliges Neuland und die Herausforderung bestand einerseits darin, die beteiligten, sehr unterschiedlichen, insgesamt neun Trägerorganisationen in der Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Netzwerk zusammenzuführen, so dass jede der Organisationen ihre besonderen Qualitäten und Kompetenzen einbringen konnten und gut funktionierend komplementär zusammenwirken konnten. Und andererseits wieder einmal darin, sozusagen von heute auf morgen die erforderlichen infrastrukturellen Ressourcen, Organisationsstrukturen und Bildungsprogramme auf die Beine zu stellen. Und auch dieses Projekt lebt in seinen Nachfolgeprojekten auch heute noch weiter.

Zugleich konnten wir auch intern bildungspolitische Innovationen setzen, etwa mit der Gründung des „lernraum.wien“, einem Institut für Mehrsprachigkeit, Integration und Bildung, als gemeinsames Kompetenzzentrum der Wiener Volkshochschulen, das sowohl Konzepte entwickeln, Projekte umsetzen wie auch Ausbildungslehrgänge durchführen sollte. Und der lernraum.wien wirkt nun seit fast 15 Jahren in diesem Sinn und hat in dieser Zeit zahlreiche spannende Aktivitäten nach innen wie außen gesetzt.

All diese Leuchtturmprojekte konnten in dieser Form nur möglich gemacht werden weil es Menschen gab, die als Projektleitung ebenso wie als Projektteams bereit waren, mit großem Einsatz und mit Zuversicht diesen herausfordernden Weg jeweils mit mir gemeinsam zu gehen und sich auf unbekanntes, noch nicht erprobtes Terrain zu begeben. Ganz nach dem guten alten StarTrek Leitmotto: „To boldly go where one has gone before…“
Daher an dieser Stelle ein riesengroßes Danke an euch alle, die ihr so wesentlich dazu beigetragen habt und die ich leider hier unmöglich alle namentlich nennen kann. Es waren für mich immer großartige und bestärkende Erfahrungen, diese durchaus auch abenteuerlichen Projektwege mit euch gemeinsam zu gehen.


Die Mühen der Ebene

Unter diesen weit über Wien ausstrahlenden Leuchtturmprojekten lagen aber - weitaus weniger nach außen sichtbar - weiterhin der Mühen der Ebene. Mit der Herausforderung, die Errungenschaften der Strukturreform abzusichern und diese konsequent weiter voranzutreiben.

Und das gestaltete sich alles andere als einfach, angesichts der schon angesprochenen sehr unterschiedlichen, oft widersprüchlichen und meist partikularen Interessenslagen. Und wie in jedem Reform- und Veränderungsprozess gab es weiterhin beharrende Kräfte, die diese Veränderungen oft als Zumutung oder auch Einschränkung ihrer bisherigen Möglichkeiten sahen, und wiederum andere, die darin eine Chance sahen, und denen diese Veränderung nicht schnell genug oder weitgehend gehen konnte.

Die Mühen der Ebene bestanden daher vor allem in oft zähen Aushandlungsprozessen, in einer Mischung aus Diplomatie und Durchsetzungsvermögen. Und mit vielen Gesprächen und Kontakten, um mögliche Bündnispartner:innen – intern oder bei externen Stakeholdern – für diese Veränderungsprozesse an Bord zu holen. Oft auch mit der Beharrlichkeit, an Themen dran zu bleiben, auch wenn es aufgrund verschiedener Widerstände im ersten oder auch zweiten Anlauf noch nicht geklappt hat. Und mit einer wachsenden Resilienz, diese Widerstände nicht persönlich zu nehmen.

Es war nicht immer alles in dem Ausmaß und in der Konsequenz und in dem Tempo umsetzbar, wie ich es mir gewünscht hätte. Manches ist dann erst viel später dann doch aufgegangen, Manches ist immer noch offen und noch zu lösen. Aber auch das gehört offensichtlich zum Wesen solcher Reform- und Veränderungsprozesse.


Mein Abschied von der VHS

2016, nach mehr als acht Jahren als VHS Chef war ich dann an einem Punkt angelangt, an dem ich meine Wirkungsmöglichkeiten in der VHS ausgeschöpft hatte und das erreicht hatte, was mir in den bestehenden Konstellationen möglich war. Und das war - auch angesichts der erreichten Ziele und Erfolge - ja nicht gerade wenig, wenn ich das hier unbescheiden so anmerken darf.
Die Strukturreform war umgesetzt und verankert, die Wiener Volkshochschulen zu einem wienweit gemeinsam agierenden Unternehmen zusammengeführt und somit in eine neue Ära gesteuert. Und zugleich konnte ich etliche richtungsweisende innovative Projekte ermöglichen und nachhaltig aufsetzen.

Es war nun ein Zeitpunkt, an dem sowohl für die VHS und ihren weiteren Weg als auch für mich und meinen weiteren persönlichen Weg ein Wechsel sinnvoll und notwendig erschien. Und so trennten sich diese Wege nun, nach fast 30 Jahren.
Die VHS hatte in diesen drei Jahrzehnten stark mein Leben geprägt, ebenso wie auch ich in meinen verschiedenen Funktionen und Aufgaben die VHS in ihrer spannenden Entwicklung stark mit geprägt habe, sowohl in meiner Zeit in der VHS Ottakring als auch dann in der VHS Zentrale und letztendlich als Geschäftsführer.

Aber ist auch gut zu wissen, wann sich diese Weg trennen sollten. Und in meinen Abschiedsworten damals in der VHS hatte ich die Fußballer- und Trainerlegende Pep Guardiola zitiert, der anlässlich seines Abschieds vom FC Barcelona hat einmal gesagt: „Trainer des FC Barcelona ist man nicht auf Lebenszeit.“ Und auch Geschäftsführer der Wiener Volkshochschulen ist man nicht auf Lebenszeit. Aber ebenso wie so wie das Motto von Barça lautet: „Més que un club!“, so war und ist auch die Volksbildung immer mehr als nur ein Verein, eine GmbH, ein Unternehmen. Sondern auch ein ermutigendes Symbol für Demokratie, für Beteiligung und ein Miteinander, für das Recht auf Bildung mit einer einzigartigen Haltung wie Geschichte.

Und darum ist die Volksbildung auch weiter, bis heute, in meinem Herzen verankert geblieben, auch wenn wir getrennte professionelle Wege gegangen sind.


***