AlfaZentrum, JUBIZ, Sprachenzentrum & Co: Die Bildungsinnovationen in der VHS Ottakring in den 1990er Jahren
19.03.2026
Nach meinem Einstieg in die Erwachsenenbildung als Deutschkursleiter in der VHS Brigittenau war ich 1988 an die VHS Ottakring gekommen, zunächst als Zivildiener und dann als pädagogischer Mitarbeiter, mit den Schwerpunktbereichen Zweiter Bildungsweg, Sprachen und politische Bildung. Und das zu einem Zeitpunkt, als sowohl diese Volkshochschule als auch das gesellschaftliche Umfeld in einem starken Wandel waren.
Ein Wandel als Aufbruch, der sich einerseits in der Modernisierung der inneren Organisation der Volkshochschule Ottakring niederschlug, was sich rein äußerlich darin zeigte, dass 1989 als Sensation der erste Computer in Form eines Apple Macintosh Würfels Einzug in die VHS hielt und die alte Matritzenmaschine zur Vervielfältigung von Kursunterlagen und Foldern durch einen ersten Kopierer ersetzt wurde.
Ein Wandel, der sich aber vor allem inhaltlich in einer zielgruppen- und themenorientierten Fokussierung und gesellschaftspolitischen Orientierung der Bildungsarbeit zeigte.
Einerseits mit einem Schwerpunkt in feministischer Bildungsarbeit, der vorrangig von der damals neu bestellten Leiterin der VHS, Michaela Judy, aufgebaut wurde. Ein Schwerpunkt, der schließlich aus der Zusammenarbeit mit Ursula Kobus-Hofmann heraus in ein Feministisches Grundstudium und in das Rosa-Mayreder-College mündete.
Und andererseits mit einem Schwerpunkt in der Bildungsarbeit mit Migrant:innen, der Diversität und Mehrsprachigkeit, der vorrangig in meinem konkreten Aufgaben- und Verantwortungsbereichen lag, und auch stark in meinem Bildungsverständnis und meiner gesellschafspolitischen Haltung verankert war.
Dabei war zunächst die Sanierung eines grundlegenden Eckpfeilers dieser Bildungsarbeit an der VHS Ottakring erforderlich: Nämlich die Neugestaltung des Angebots für Deutsch als Zweitsprache an der VHS Ottakring, verbunden mit neu geschaffenen Beratungsangeboten - Maßnahmen, die mir auch aus meinen bisherigen Erfahrungen als Deutsch-Kursleiter an den Wiener Volkshochschulen ein wichtiges Anliegen waren.
Und so konnte ich rasch statt des verstaubten, für die damalige Zeit durchaus typische Angebots von einigen wenigen sogenannten „Deutsch für Ausländer“ Kursen, ein differenziertes und umfangreiches Bildungsangebot für Deutsch als Zweitsprache aufbauen, das auch laufend weiterentwickelt wurde. Mit Vormittags oder Nachmittagsintensivkursen sowie Abendkursen und Spezialkursen, mit mehr als 1.000 Teilnehmenden pro Jahr. In dieser Form und zu dieser Zeit ein Alleinstellungsmerkmal in der Wiener Erwachsenenbildungs-Landschaft.
Auch durch eine konsequente Lerner:innenorientierung und das Augenmerk auf die darauf ausgerichtete Qualität des Unterrichts - und davon abgeleitet ein Augenmerk sowohl auf die Rahmenbedingungen der Unterrichtenden als auch deren Möglichkeiten zur Weiterentwicklung durch Weiterbildung, Reflexion und Vernetzung.
Rückenwind erhielten diese Ziele durch die ungefähr zeitgleich neu gestarteten Ausbildungslehrgänge für Unterrichtende in Deutsch als Zweitsprache, initiiert und geleitet von Thomas Fritz im Rahmen des damaligen Pädagogischen Referats des Verbandes Wiener Volksbildung. Die eine wichtige Lücke schlossen und einen großen Sprung vorwärts in der Entwicklung des Bereichs Deutsch als Zweitsprache in Wien bedeuteten, da es zuvor keine systematische Ausbildung für dieses diesem Arbeitsfeld gab und die Lehrgänge auch zu einer intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung beitrugen.
Es war somit keine Zufall, dass sich daraus eine lang währende produktive und inspirierende Kooperation zwischen der VHS Ottakring und diesen Ausbildungen entwickelte, aus der nicht nur viele weitere spannende Impulse und Projekte entstanden, sondern die auch eng mit der persönlichen Entwicklung vieler Beteiligter verwoben war und ist.
Durch diese Neuaufstellung und Stärkung des Bereichs Deutsch als Zweitsprache waren wir übrigens dann auch gut vorbereitet, als es ab 1992 im Zusammenhang mit dem Bosnienkrieg zu einem massiv gesteigerten Bedarf an maßgeschneiderten intensiven Deutsch Förderangeboten für geflüchtete Personen in Wien kam, auf den wir dann sehr rasch und wirkungsvoll reagieren konnten.
Zugleich schufen wir in der VHS Ottakring Räume für die theoretische Auseinandersetzung mit Fragen der Migration, der Integration und der Minderheitenpolitik, in Zusammenarbeit mit externen Expert:innen, etwa durch Tagungen, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen oder Arbeitsgruppen. Gerade auch vor dem Hintergrund der damaligen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, Stichwort Haider-FPÖ und „Ausländer-Volksbegehren“.
Ich erinnere mich noch gut an ebenso spannende wie gut besuchte Veranstaltungen wie das mehrtätige internationale Symposium „Unterscheiden was nicht trennbar ist - Rassismus und Sexismus“ von 1990 oder die zweisprachige Aktionswoche „Türkei-Kurdistan-Österreich“ mit Referaten und Arbeitskreisen zu Themen von Emigration, Nationalität und Ethnizität vom September 1991.
In denselben Jahren fanden übrigens auch die Frauen-Sommeruniversiät und der internationale Kongress „Kritische Psychologie“ an der VHS Ottakring statt. Was für mich auch den Stellenwert der VHS Ottakring als Ort gesellschaftskritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzung in der damaligen Zeit gut beschreibt.
Zusätzliche Impulse kamen aus Aktivitäten und Projekten der interkulturellen Bildungsarbeit, ganz besonders durch ein Projekt der interkulturellen und mehrsprachigen Vorschulbetreuung und Lernhilfe für Kinder an Schulen, das IKL, das im Rahmen der VHS Ottakring entwickelt wurde (und dann später - leider nur für kurze Zeit - zu einem wienweiten Projekt ausgerollt wurde)
So konnten wir bereits in den frühen 1990er Jahren sowohl unsere interne Kompetenz in diesen Feldern stärken und weiterentwickeln, als auch die VHS Ottakring als Ort der Bildungsarbeit und einer gesellschaftspolitischen Haltung sichtbar und erfahrbar machen, an dem Integration, Diversität und Mehrsprachigkeit positiv und beteiligend gelebt und bewusst gestaltet werden.
Damit hatten wir eine gute Basis geschaffen, um neue Antworten auf weitere Herausforderungen im Bereich Bildung und Migration zu entwickeln, die sich für uns aus unserer laufenden Bildungsarbeit heraus ergeben hatten.
Speziell waren das zwei Herausforderungen, die wir lösen wollten:
Erstens im Bereich der Deutschkurse, bei denen wir immer wieder sowohl in der Beratung als auch in den Kursgruppen vermehrt Teilnehmenden mit Alphabetisierungsbedarf wahrgenommen hatten. Sei es weil diese in den Herkunftsländern nicht oder nicht lange genug die Schule besuchen konnten und oder sei es weil sie zwar in anderen Schriftsystem alphabetisiert waren, aber nicht mit der lateinischen Schrift vertraut waren. Für diese Gruppen gab es keine passenden Angebote im Bereich der Wiener Volkshochschulen und die bestehenden Deutschkurse konnten nur sehr bedingt auf deren Lernerfordernisse eingehen.
Und zweitens im Bereich Schule und Bildungsabschlüsse:
Viele Datengrundlagen und Forschungsergebnisse, aber gerade auch die Erfahrungen aus dem Projekt "Interkulturelle Lernbetreuung" verwiesen uns auf den großen Anteil von Kindern aus Familien mit Migrationsbiografien, die aus unserem Schulsystem "herausfallen" und die Schule ohne Pflichtschulabschluss verlassen. Zugleich gab es aber kaum zielgruppengerechte Angebote zum Nachholen dieses Schulabschlusses.
Aus meiner Sicht war es unsere Aufgabe, geeignete Antworten auf diese Herausforderungen zu finden und in der VHS Ottakring umzusetzen. Und nutzte den Rahmen einer Abschlussarbeit für einen EB-Ausbildungslehrgang, um darin Eckpunkte eines Umsetzungskonzeptes zu erarbeiten. Ich konnte dabei neben etlichen hilfreichen Forschungsergebnissen und Studien, etwa des IHS, vor allem auch auf Erfahrungen aus sehr wirksamen Modellen für diese Bildungsarbeit aus Berliner Volkshochschulen zurück greifen, deren Arbeit ich bei bilateralen Vernetzungsseminaren kennen lernen konnte.
Um dieses Konzept dann auch professionell und qualitativ realisieren zu können, mit den dafür erforderlichen Rahmenbedingungen, also auch mit adäquaten und fairen Beschäftigungsverhältnisse der Unterrichtenden und zusätzlichen Ressourcen für begleitende Beratung, Sozialpädagogik und Entwicklungsarbeit, bedurfte es allerdings einer entsprechenden Finanzierung.
Die Lösung dieser Frage bot sich dann gerade zum richtigen Zeitpunkt aus dem damaligen Unterrichtsministerium. Und zwar durch die vom Unterrichtsminister Rudolf Scholten gestartete Förderinitiative „Miteinander leben - miteinander lernen“. Durch dieses Förderprogramm konnten wir die dafür notwendigen Finanzmittel lukrieren, die wir dringlich als Startbasis für diese neue Projekte benötigten.
Das war dann sozusagen die Geburtsstunde des Jugendbildungszentrum Ottakring (kurz: JUBIZ) und des AlfaZentrums für Migrant:innen. Wir konnten für die Übernahme der Verantwortung der weiteren Entwicklung und Gestaltung dieser Projekte zwei Persönlichkeiten gewinnen, die mit der ihner jeweils eigenen Kompetenz und ihrem Engagement den weiteren Erfolgsweg dieser beiden Projekte über viele Jahre prägten. Nämlich Hikmet Kayahan, der das JUBIZ dann bis 2003 leitete, und Monika Ritter, die die Leitung des AlfaZentrums 1994 übernahm und dieses bis 2010 leitete.
Das JUBIZ hatte von Anfang an drei Schwerpunktbereiche, die eng inhaltlich und in der Zusammenarbeit der Teams miteinander verzahnt sind: Erstens spezifische vorbereitende Deutsch- und Orientierungslehrgänge für Jugendliche, die erst seit kurzer Zeit in Österreich waren. Aus diesen entstand später, in der weiteren Entwicklung, ein Angebot für Basisbildung. Zweitens die Vorbereitungslehrgänge auf den Pflichtschulabschluss. Und drittens Beratung und sozialpädagogische Begleitung der Jugendlichen, die sie auch bestmöglich beim Einstieg in Berufsausbildungen oder weiterführende Bildungswege unterstütze.
Was dabei das JUBIZ ganz speziell auszeichnete und bis heute auszeichnet, ist der Blick auf die Jugendlichen - der nie defizit- und problemorientiert war, sondern sie immer mit ihren individuellen Bedürfnissen und Potenzialen wahrnahm und sie darin bestärkte. Und immer wieder erlebten wir, dass Jugendliche, denen zuvor immer nur vermittelt wurde: „Du kannst nichts, du bist nichts, du wirst nichts“, sich Schritt für Schritt gestärkt fühlten und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die eigene Selbstwirksamkeit entwickelten.
Die Lehrgänge des JUBIZ waren daher auch nie reine Prüfungsvorbereitung, sondern förderten in der Gestaltung des Fachunterrichts ebenso wie in den sozialpädagogischen Aktivitäten die selbsttätige Auseinandersetzung der Jugendlichen mit für sie relevanten Themen - und stand daher in der Tradition emanzipatorischer Bildungsarbeit des Volksheims Ottakring. Auch durch die Förderung sozialer Kompetenzen und der Konfliktfähigkeit und durch gezielte Burschen- und Mädchenarbeit. Also Demokratiebildung im allerbesten Sinn. Viele Jugendliche nahmen daher das JUBIZ und die VHS Ottakring als einen Ort wahr, an dem sie - leider oft erstmals - positiv wahrgenommen und ernst genommen wurden, als einen sie stärkenden Ort. Und es war daher kein Zufall, das etliche ehemalige JUBIZ Schüler:innen auch später dort vorbei kamen, weil es für sie so eine Art Bildungs-Heimat geworden war.
Und das JUBIZ war mit diesen besonderen Zugängen und seiner Arbeit auch immer ein Labor der pädagogischen Innovation und der Konzeptentwicklung in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen, das eine richtungsweisende Vorreiterrolle nicht nur innerhalb der Wiener Volkshochschulen übernahm. Und daher auch heute noch
die Funktion eines Kompetenzzentrum für diese Bildungs- und Beratungsarbeit innerhalb der Wiener Volkshochschulen hat.
Eine ebenso wirkungsvolle Pionierrolle entwickelte das AlfaZentrum für Migrant:innen: Dort realisierte Monika Ritter Teilnehmer:innen-orientierte Ansätze der Alphabetisierung, die sie bereits in den Jahren zuvor entwickelt und in Pilotkursen andernorts erprobt hatte. Ansätze, die dann in Folge im gesamten deutschen Sprachraum richtungsweisend wirken sollten.
Richtungsweisend vor allem durch die enge Verbindung von Sprach- und Alphabetisierungsunterricht, die den Migrant:innen den Weg öffnete, Sprache und Schrift möglichst parallel zu lernen - nachdem sie für ihr tägliches Leben ja auch beides brauchen. Dabei wurde ihn auch ausreichend Zeit gegeben, die für den Schrifterwerbsprozess nun einmal notwendig ist und diese zugleich auch gezielt für das Deutschlernen genutzt.
Oder mit den Worten Monika Ritters: „Den Unterricht im Alfa-Zentrum könnte man mit einem Reißverschluss vergleichen: Wir (…) erarbeiten in der einen Lerneinheit ein Stück Sprache, aufbauend auf dieses Sprachmaterial erarbeiten wir in einer anderen Einheit ein Stück Schrift.“
Diese sinnvolle Kombination von Alphabetisierung und Deutsch erzielte nachweislich bessere Ergebnisse als die Alphabetisierung im Schnellsiedeverfahren vor einem Deutschkurs, wie sie von einigen Seiten vor allem in Deutschland, aber später auch in Österreich heraus propagiert wurden. Ein realitätsferner Zugang im Dienste einer restriktiven Integrationspolitik, dem Monika Ritter in fachlichen Debatten im Interesse der Lernenden ebenso entschieden wie kompetent entgegen trat.
Dabei setzte der Unterricht im AlfaZentrum immer bei den Lebensrealittäten der Lernenden an: und arbeitete daher statt mit abstrakten vorgefertigten Lehrbuchtexten konsequent mit authentischen Texten aus dem Alltag der Lernenden oder mit von den Lernenden mündlich oder schriftlich selbst erstellten Texten.
Und statt vorgegebener, für alle gleiche Wege wurden die Lernenden im Aufbauen von selbstbestimmten Lernstrategien unterstützt - damit auch dabei, eigene Fortschritte zu erkennen und darauf aufbauend individuelle Lernschritte zu planen.
Monika Ritter entwickelte im AlfaZentrum für diesen Unterrichtsansatz nicht nur Kurskonzepte, sondern auch methodische Handreichungen und Materialien. Und gab einer neuen Generation von Unterrichtenden Unterstützung und Raum für deren Entwicklung. In weiterer Konsequenz entstand dann Anfang der 2000er Jahre daraus ein spezieller Ausbildungslehrgang der VHS Ottakring, der auf diesen Ansätze und Erfahrung basierte, um dieses Know-how möglichst vielen zugänglich zu machen.
In laufenden Austausch mit dieser Pionierarbeit von JUBIZ und AlfaZentrum, arbeitete ich inzwischen in meinem direkten Verantwortungsbereich intensiv weiter an der Professionalisierung und inhaltlichen Ausrichtung des Sprachenlernens an der VHS Ottakring, Fremdsprachen ebenso wie Deutsch als Zweitsprache. Was schließlich 1998 im Sprachenzentrum Ottakring mündete, dem ersten Sprachenzentrum in der Wiener Erwachsenenbildungslandschaft.
Das Sprachenzentrum Ottakring zeichnete sich nicht nur durch die fortschreitende Ausdifferenzierung der Lernangebote im Hinblick auf unterschiedliche Zielgruppen und deren Bedürfnisse und Lernzugänge und den Ausbau der Beratungsangebote für Sprachlernende aus. Sondern vor allem auch durch die intensive Auseinandersetzung mit der Frage, wie Sprachenlernen gut gestaltet werden kann.
Dabei spielten die im Kontext der Wiener Volkshochschulen entwickelten Ansätze des so genannten „Fremdsprachenwachstums“ eine wichtige Rolle. Dieser Zugang, der anders als traditionelle Methoden des Lehrbuch- und grammatikorientierten Unterrichts mit der aktiven Auseinandersetzung mit authentischen Hör- und Lesetexten arbeitete, setzte damit direkt an den Interessen und Lernzielen der Teilnehmer:innen an und an deren sich draus ergebender Motivation, diese Texte für sich aufzuschlüsseln und sich anzueignen. Das bedeutete auch eine Veränderung in der Rolle der Unterrichtenden und hatte damit auch Auswirkungen auf die Ausbildung und professionelle Weiterentwicklung von Unterrichtenden.
Das Sprachenzentrum wurde aber auch zu einem Ort der sprachenpolitischen Positionierung und der Vernetzung - regional, etwa mit dem Integrationshaus, dem ich mich bis heute sehr verbunden fühle - und ebenso international. Letzteres nach 1996 auch durch die nun möglichen EU geförderten Austausch- und Transfer-Projekte, die für uns trotz aller Projektbürokratie ganz neue Möglichkeiten eröffneten, etwa im Erfahrungstausch mit vergleichbaren Einrichtungen in England oder Schweden.
Ein weiterer innovativer Baustein, der den vierten noch fehlenden Eckpfeiler zu Sprachenzentrum , AlfaZentrum und JUBIZ hätte bilden können, wurde leider nie realisiert: Das Sprachenquartier, eine Projektidee für ein offenes, niederschwelliges Sprachen-Selbstlernzentrum in Kooperation zwischen VHS Ottakring und der örtlich nahen Hauptbücherei am Gürtel, das die anderen Bereiche sinnvoll ergänzt und in deren Wirkungsmöglichkeiten verstärkt hätte.
Auch vor dem Hintergrund des in unsere Arbeit in allen Bereichen wichtigen Prinzips der Autonomieförderung und des selbstbestimmten Lernens - mit dem Ziel, dass in Kursen Strategien und Techniken vermittelt werden, die auch beim selbständigen Weiterlernen nach dem Kurs nützlich sein können, bzw. dass wir TeilnehmerInnen den Zugang zu Ressourcen ermöglichen, die notwendig sind, um selbständig weiterzulernen.
Dieses Vorhaben blieb aber leider auch nach mehreren Anläufen in den Netzen des Förderwesen hängen und bekam keine Chance zur Realisierung. Es blieb damit eine Idee in meinem Kopf und denen einiger Mitstreiter:innen bzw. als Konzept bestenfalls in Computerordnern archiviert.
2003 übernahm ich dann nach dem Weggang von Hikmet Kayahan auch direkt die Verantwortung für das JUBIZ.
Aber damit sind wir endgültig schon einige Schritte im nächste Jahrtausend - und darüber, wie es mit diesen Projekten und anderen Vorhaben dann weiterging, erzähle ich dann gerne im nächsten Beitrag.
Abschließend daher nur noch eine persönliche Anmerkung:
Für mich war die hier beschriebene Zeit ein äußerst spannender, motivierender, aber auch erfahrungsreicher und bereichernder Teil meines Lebenswegs. Bereichernd nicht nur inhaltlich, indem ich vieles an Zugängen und Sichtweisen mitnehmen konnte für meine spätere Arbeit in unterschiedlichen Funktionen.
Sondern vor allem war es auch eine Zeit der Zusammenarbeit mit vielen, ganz unterschiedlichen großartigen Menschen, von denen ich hier nur einige wenige erwähnen konnte. Eine Zeit kreativer Arbeitsbeziehungen, oft auch bestärkender Arbeitsfreundschaften, die zum Teil noch bis heute bestehen. Ich möchte mich daher an dieser Stelle bedanken bei all diesen Menschen, die auf ihre Weise dazu beigetragen haben, dass diese spannenden Projekte, die ich hier beschrieben habe, auch so einzigartig geworden sind und die dieses Feuer bis heute weiter tragen.
- Mario Rieder: Bildungsprojekte der Volkshochschule Ottakring. Volkshochschularbeit in Österreich Bd.1. Hg. vom Verband Österreichischer Volkshochschulen. Promedia 1992.
- Mario Rieder, Thomas Fritz: Deutsch als Zweitsprache im Spannungsfeld zwischen politischem Anspruch und realen Bedingungen. Ein Briefwechsel. In: ÖDaF Mitteilungen (2006)
- Monika Ritter: Alphabetisierung mit MigrantInnen: Brückenkurs oder kombinierte Kurse für
Alphabetisierung und Deutsch? In: Alfa‐Forum 60/2005. Zeitschrift für Alphabetisierung und
Grundbildung. Hg. Bundesverband Alphabetisierung e.V. Münster.
- Monika Ritter: Die Lernenden, der Unterricht und die Kurse im Alfa-Zentrum für MigrantInnen (2004).
Ein Wandel als Aufbruch, der sich einerseits in der Modernisierung der inneren Organisation der Volkshochschule Ottakring niederschlug, was sich rein äußerlich darin zeigte, dass 1989 als Sensation der erste Computer in Form eines Apple Macintosh Würfels Einzug in die VHS hielt und die alte Matritzenmaschine zur Vervielfältigung von Kursunterlagen und Foldern durch einen ersten Kopierer ersetzt wurde.
Ein Wandel, der sich aber vor allem inhaltlich in einer zielgruppen- und themenorientierten Fokussierung und gesellschaftspolitischen Orientierung der Bildungsarbeit zeigte.
Einerseits mit einem Schwerpunkt in feministischer Bildungsarbeit, der vorrangig von der damals neu bestellten Leiterin der VHS, Michaela Judy, aufgebaut wurde. Ein Schwerpunkt, der schließlich aus der Zusammenarbeit mit Ursula Kobus-Hofmann heraus in ein Feministisches Grundstudium und in das Rosa-Mayreder-College mündete.
Und andererseits mit einem Schwerpunkt in der Bildungsarbeit mit Migrant:innen, der Diversität und Mehrsprachigkeit, der vorrangig in meinem konkreten Aufgaben- und Verantwortungsbereichen lag, und auch stark in meinem Bildungsverständnis und meiner gesellschafspolitischen Haltung verankert war.
Bildungsarbeit im Kontext Migration
Dabei war zunächst die Sanierung eines grundlegenden Eckpfeilers dieser Bildungsarbeit an der VHS Ottakring erforderlich: Nämlich die Neugestaltung des Angebots für Deutsch als Zweitsprache an der VHS Ottakring, verbunden mit neu geschaffenen Beratungsangeboten - Maßnahmen, die mir auch aus meinen bisherigen Erfahrungen als Deutsch-Kursleiter an den Wiener Volkshochschulen ein wichtiges Anliegen waren.
Und so konnte ich rasch statt des verstaubten, für die damalige Zeit durchaus typische Angebots von einigen wenigen sogenannten „Deutsch für Ausländer“ Kursen, ein differenziertes und umfangreiches Bildungsangebot für Deutsch als Zweitsprache aufbauen, das auch laufend weiterentwickelt wurde. Mit Vormittags oder Nachmittagsintensivkursen sowie Abendkursen und Spezialkursen, mit mehr als 1.000 Teilnehmenden pro Jahr. In dieser Form und zu dieser Zeit ein Alleinstellungsmerkmal in der Wiener Erwachsenenbildungs-Landschaft.
Auch durch eine konsequente Lerner:innenorientierung und das Augenmerk auf die darauf ausgerichtete Qualität des Unterrichts - und davon abgeleitet ein Augenmerk sowohl auf die Rahmenbedingungen der Unterrichtenden als auch deren Möglichkeiten zur Weiterentwicklung durch Weiterbildung, Reflexion und Vernetzung.
Rückenwind erhielten diese Ziele durch die ungefähr zeitgleich neu gestarteten Ausbildungslehrgänge für Unterrichtende in Deutsch als Zweitsprache, initiiert und geleitet von Thomas Fritz im Rahmen des damaligen Pädagogischen Referats des Verbandes Wiener Volksbildung. Die eine wichtige Lücke schlossen und einen großen Sprung vorwärts in der Entwicklung des Bereichs Deutsch als Zweitsprache in Wien bedeuteten, da es zuvor keine systematische Ausbildung für dieses diesem Arbeitsfeld gab und die Lehrgänge auch zu einer intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung beitrugen.
Es war somit keine Zufall, dass sich daraus eine lang währende produktive und inspirierende Kooperation zwischen der VHS Ottakring und diesen Ausbildungen entwickelte, aus der nicht nur viele weitere spannende Impulse und Projekte entstanden, sondern die auch eng mit der persönlichen Entwicklung vieler Beteiligter verwoben war und ist.
Durch diese Neuaufstellung und Stärkung des Bereichs Deutsch als Zweitsprache waren wir übrigens dann auch gut vorbereitet, als es ab 1992 im Zusammenhang mit dem Bosnienkrieg zu einem massiv gesteigerten Bedarf an maßgeschneiderten intensiven Deutsch Förderangeboten für geflüchtete Personen in Wien kam, auf den wir dann sehr rasch und wirkungsvoll reagieren konnten.
VHS Ottakring als Ort der gesellschaftskritischen wissenschaftlichen Diskussion
Zugleich schufen wir in der VHS Ottakring Räume für die theoretische Auseinandersetzung mit Fragen der Migration, der Integration und der Minderheitenpolitik, in Zusammenarbeit mit externen Expert:innen, etwa durch Tagungen, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen oder Arbeitsgruppen. Gerade auch vor dem Hintergrund der damaligen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, Stichwort Haider-FPÖ und „Ausländer-Volksbegehren“.
Ich erinnere mich noch gut an ebenso spannende wie gut besuchte Veranstaltungen wie das mehrtätige internationale Symposium „Unterscheiden was nicht trennbar ist - Rassismus und Sexismus“ von 1990 oder die zweisprachige Aktionswoche „Türkei-Kurdistan-Österreich“ mit Referaten und Arbeitskreisen zu Themen von Emigration, Nationalität und Ethnizität vom September 1991.
In denselben Jahren fanden übrigens auch die Frauen-Sommeruniversiät und der internationale Kongress „Kritische Psychologie“ an der VHS Ottakring statt. Was für mich auch den Stellenwert der VHS Ottakring als Ort gesellschaftskritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzung in der damaligen Zeit gut beschreibt.
Zusätzliche Impulse kamen aus Aktivitäten und Projekten der interkulturellen Bildungsarbeit, ganz besonders durch ein Projekt der interkulturellen und mehrsprachigen Vorschulbetreuung und Lernhilfe für Kinder an Schulen, das IKL, das im Rahmen der VHS Ottakring entwickelt wurde (und dann später - leider nur für kurze Zeit - zu einem wienweiten Projekt ausgerollt wurde)
So konnten wir bereits in den frühen 1990er Jahren sowohl unsere interne Kompetenz in diesen Feldern stärken und weiterentwickeln, als auch die VHS Ottakring als Ort der Bildungsarbeit und einer gesellschaftspolitischen Haltung sichtbar und erfahrbar machen, an dem Integration, Diversität und Mehrsprachigkeit positiv und beteiligend gelebt und bewusst gestaltet werden.
Damit hatten wir eine gute Basis geschaffen, um neue Antworten auf weitere Herausforderungen im Bereich Bildung und Migration zu entwickeln, die sich für uns aus unserer laufenden Bildungsarbeit heraus ergeben hatten.
Neue Herausforderungen
Speziell waren das zwei Herausforderungen, die wir lösen wollten:
Erstens im Bereich der Deutschkurse, bei denen wir immer wieder sowohl in der Beratung als auch in den Kursgruppen vermehrt Teilnehmenden mit Alphabetisierungsbedarf wahrgenommen hatten. Sei es weil diese in den Herkunftsländern nicht oder nicht lange genug die Schule besuchen konnten und oder sei es weil sie zwar in anderen Schriftsystem alphabetisiert waren, aber nicht mit der lateinischen Schrift vertraut waren. Für diese Gruppen gab es keine passenden Angebote im Bereich der Wiener Volkshochschulen und die bestehenden Deutschkurse konnten nur sehr bedingt auf deren Lernerfordernisse eingehen.
Und zweitens im Bereich Schule und Bildungsabschlüsse:
Viele Datengrundlagen und Forschungsergebnisse, aber gerade auch die Erfahrungen aus dem Projekt "Interkulturelle Lernbetreuung" verwiesen uns auf den großen Anteil von Kindern aus Familien mit Migrationsbiografien, die aus unserem Schulsystem "herausfallen" und die Schule ohne Pflichtschulabschluss verlassen. Zugleich gab es aber kaum zielgruppengerechte Angebote zum Nachholen dieses Schulabschlusses.
Aus meiner Sicht war es unsere Aufgabe, geeignete Antworten auf diese Herausforderungen zu finden und in der VHS Ottakring umzusetzen. Und nutzte den Rahmen einer Abschlussarbeit für einen EB-Ausbildungslehrgang, um darin Eckpunkte eines Umsetzungskonzeptes zu erarbeiten. Ich konnte dabei neben etlichen hilfreichen Forschungsergebnissen und Studien, etwa des IHS, vor allem auch auf Erfahrungen aus sehr wirksamen Modellen für diese Bildungsarbeit aus Berliner Volkshochschulen zurück greifen, deren Arbeit ich bei bilateralen Vernetzungsseminaren kennen lernen konnte.
Um dieses Konzept dann auch professionell und qualitativ realisieren zu können, mit den dafür erforderlichen Rahmenbedingungen, also auch mit adäquaten und fairen Beschäftigungsverhältnisse der Unterrichtenden und zusätzlichen Ressourcen für begleitende Beratung, Sozialpädagogik und Entwicklungsarbeit, bedurfte es allerdings einer entsprechenden Finanzierung.
Die Lösung dieser Frage bot sich dann gerade zum richtigen Zeitpunkt aus dem damaligen Unterrichtsministerium. Und zwar durch die vom Unterrichtsminister Rudolf Scholten gestartete Förderinitiative „Miteinander leben - miteinander lernen“. Durch dieses Förderprogramm konnten wir die dafür notwendigen Finanzmittel lukrieren, die wir dringlich als Startbasis für diese neue Projekte benötigten.
Das war dann sozusagen die Geburtsstunde des Jugendbildungszentrum Ottakring (kurz: JUBIZ) und des AlfaZentrums für Migrant:innen. Wir konnten für die Übernahme der Verantwortung der weiteren Entwicklung und Gestaltung dieser Projekte zwei Persönlichkeiten gewinnen, die mit der ihner jeweils eigenen Kompetenz und ihrem Engagement den weiteren Erfolgsweg dieser beiden Projekte über viele Jahre prägten. Nämlich Hikmet Kayahan, der das JUBIZ dann bis 2003 leitete, und Monika Ritter, die die Leitung des AlfaZentrums 1994 übernahm und dieses bis 2010 leitete.
Das Jugendbildungszentrum (JUBIZ)
Das JUBIZ hatte von Anfang an drei Schwerpunktbereiche, die eng inhaltlich und in der Zusammenarbeit der Teams miteinander verzahnt sind: Erstens spezifische vorbereitende Deutsch- und Orientierungslehrgänge für Jugendliche, die erst seit kurzer Zeit in Österreich waren. Aus diesen entstand später, in der weiteren Entwicklung, ein Angebot für Basisbildung. Zweitens die Vorbereitungslehrgänge auf den Pflichtschulabschluss. Und drittens Beratung und sozialpädagogische Begleitung der Jugendlichen, die sie auch bestmöglich beim Einstieg in Berufsausbildungen oder weiterführende Bildungswege unterstütze.
Was dabei das JUBIZ ganz speziell auszeichnete und bis heute auszeichnet, ist der Blick auf die Jugendlichen - der nie defizit- und problemorientiert war, sondern sie immer mit ihren individuellen Bedürfnissen und Potenzialen wahrnahm und sie darin bestärkte. Und immer wieder erlebten wir, dass Jugendliche, denen zuvor immer nur vermittelt wurde: „Du kannst nichts, du bist nichts, du wirst nichts“, sich Schritt für Schritt gestärkt fühlten und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die eigene Selbstwirksamkeit entwickelten.
Die Lehrgänge des JUBIZ waren daher auch nie reine Prüfungsvorbereitung, sondern förderten in der Gestaltung des Fachunterrichts ebenso wie in den sozialpädagogischen Aktivitäten die selbsttätige Auseinandersetzung der Jugendlichen mit für sie relevanten Themen - und stand daher in der Tradition emanzipatorischer Bildungsarbeit des Volksheims Ottakring. Auch durch die Förderung sozialer Kompetenzen und der Konfliktfähigkeit und durch gezielte Burschen- und Mädchenarbeit. Also Demokratiebildung im allerbesten Sinn. Viele Jugendliche nahmen daher das JUBIZ und die VHS Ottakring als einen Ort wahr, an dem sie - leider oft erstmals - positiv wahrgenommen und ernst genommen wurden, als einen sie stärkenden Ort. Und es war daher kein Zufall, das etliche ehemalige JUBIZ Schüler:innen auch später dort vorbei kamen, weil es für sie so eine Art Bildungs-Heimat geworden war.
Und das JUBIZ war mit diesen besonderen Zugängen und seiner Arbeit auch immer ein Labor der pädagogischen Innovation und der Konzeptentwicklung in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen, das eine richtungsweisende Vorreiterrolle nicht nur innerhalb der Wiener Volkshochschulen übernahm. Und daher auch heute noch
die Funktion eines Kompetenzzentrum für diese Bildungs- und Beratungsarbeit innerhalb der Wiener Volkshochschulen hat.
Das Alfa-Zentrum für Migrant:innen
Eine ebenso wirkungsvolle Pionierrolle entwickelte das AlfaZentrum für Migrant:innen: Dort realisierte Monika Ritter Teilnehmer:innen-orientierte Ansätze der Alphabetisierung, die sie bereits in den Jahren zuvor entwickelt und in Pilotkursen andernorts erprobt hatte. Ansätze, die dann in Folge im gesamten deutschen Sprachraum richtungsweisend wirken sollten.
Richtungsweisend vor allem durch die enge Verbindung von Sprach- und Alphabetisierungsunterricht, die den Migrant:innen den Weg öffnete, Sprache und Schrift möglichst parallel zu lernen - nachdem sie für ihr tägliches Leben ja auch beides brauchen. Dabei wurde ihn auch ausreichend Zeit gegeben, die für den Schrifterwerbsprozess nun einmal notwendig ist und diese zugleich auch gezielt für das Deutschlernen genutzt.
Oder mit den Worten Monika Ritters: „Den Unterricht im Alfa-Zentrum könnte man mit einem Reißverschluss vergleichen: Wir (…) erarbeiten in der einen Lerneinheit ein Stück Sprache, aufbauend auf dieses Sprachmaterial erarbeiten wir in einer anderen Einheit ein Stück Schrift.“
Diese sinnvolle Kombination von Alphabetisierung und Deutsch erzielte nachweislich bessere Ergebnisse als die Alphabetisierung im Schnellsiedeverfahren vor einem Deutschkurs, wie sie von einigen Seiten vor allem in Deutschland, aber später auch in Österreich heraus propagiert wurden. Ein realitätsferner Zugang im Dienste einer restriktiven Integrationspolitik, dem Monika Ritter in fachlichen Debatten im Interesse der Lernenden ebenso entschieden wie kompetent entgegen trat.
Dabei setzte der Unterricht im AlfaZentrum immer bei den Lebensrealittäten der Lernenden an: und arbeitete daher statt mit abstrakten vorgefertigten Lehrbuchtexten konsequent mit authentischen Texten aus dem Alltag der Lernenden oder mit von den Lernenden mündlich oder schriftlich selbst erstellten Texten.
Und statt vorgegebener, für alle gleiche Wege wurden die Lernenden im Aufbauen von selbstbestimmten Lernstrategien unterstützt - damit auch dabei, eigene Fortschritte zu erkennen und darauf aufbauend individuelle Lernschritte zu planen.
Monika Ritter entwickelte im AlfaZentrum für diesen Unterrichtsansatz nicht nur Kurskonzepte, sondern auch methodische Handreichungen und Materialien. Und gab einer neuen Generation von Unterrichtenden Unterstützung und Raum für deren Entwicklung. In weiterer Konsequenz entstand dann Anfang der 2000er Jahre daraus ein spezieller Ausbildungslehrgang der VHS Ottakring, der auf diesen Ansätze und Erfahrung basierte, um dieses Know-how möglichst vielen zugänglich zu machen.
In laufenden Austausch mit dieser Pionierarbeit von JUBIZ und AlfaZentrum, arbeitete ich inzwischen in meinem direkten Verantwortungsbereich intensiv weiter an der Professionalisierung und inhaltlichen Ausrichtung des Sprachenlernens an der VHS Ottakring, Fremdsprachen ebenso wie Deutsch als Zweitsprache. Was schließlich 1998 im Sprachenzentrum Ottakring mündete, dem ersten Sprachenzentrum in der Wiener Erwachsenenbildungslandschaft.
Das Sprachenzentrum Ottakring
Das Sprachenzentrum Ottakring zeichnete sich nicht nur durch die fortschreitende Ausdifferenzierung der Lernangebote im Hinblick auf unterschiedliche Zielgruppen und deren Bedürfnisse und Lernzugänge und den Ausbau der Beratungsangebote für Sprachlernende aus. Sondern vor allem auch durch die intensive Auseinandersetzung mit der Frage, wie Sprachenlernen gut gestaltet werden kann.
Dabei spielten die im Kontext der Wiener Volkshochschulen entwickelten Ansätze des so genannten „Fremdsprachenwachstums“ eine wichtige Rolle. Dieser Zugang, der anders als traditionelle Methoden des Lehrbuch- und grammatikorientierten Unterrichts mit der aktiven Auseinandersetzung mit authentischen Hör- und Lesetexten arbeitete, setzte damit direkt an den Interessen und Lernzielen der Teilnehmer:innen an und an deren sich draus ergebender Motivation, diese Texte für sich aufzuschlüsseln und sich anzueignen. Das bedeutete auch eine Veränderung in der Rolle der Unterrichtenden und hatte damit auch Auswirkungen auf die Ausbildung und professionelle Weiterentwicklung von Unterrichtenden.
Das Sprachenzentrum wurde aber auch zu einem Ort der sprachenpolitischen Positionierung und der Vernetzung - regional, etwa mit dem Integrationshaus, dem ich mich bis heute sehr verbunden fühle - und ebenso international. Letzteres nach 1996 auch durch die nun möglichen EU geförderten Austausch- und Transfer-Projekte, die für uns trotz aller Projektbürokratie ganz neue Möglichkeiten eröffneten, etwa im Erfahrungstausch mit vergleichbaren Einrichtungen in England oder Schweden.
Ein weiterer innovativer Baustein, der den vierten noch fehlenden Eckpfeiler zu Sprachenzentrum , AlfaZentrum und JUBIZ hätte bilden können, wurde leider nie realisiert: Das Sprachenquartier, eine Projektidee für ein offenes, niederschwelliges Sprachen-Selbstlernzentrum in Kooperation zwischen VHS Ottakring und der örtlich nahen Hauptbücherei am Gürtel, das die anderen Bereiche sinnvoll ergänzt und in deren Wirkungsmöglichkeiten verstärkt hätte.
Auch vor dem Hintergrund des in unsere Arbeit in allen Bereichen wichtigen Prinzips der Autonomieförderung und des selbstbestimmten Lernens - mit dem Ziel, dass in Kursen Strategien und Techniken vermittelt werden, die auch beim selbständigen Weiterlernen nach dem Kurs nützlich sein können, bzw. dass wir TeilnehmerInnen den Zugang zu Ressourcen ermöglichen, die notwendig sind, um selbständig weiterzulernen.
Dieses Vorhaben blieb aber leider auch nach mehreren Anläufen in den Netzen des Förderwesen hängen und bekam keine Chance zur Realisierung. Es blieb damit eine Idee in meinem Kopf und denen einiger Mitstreiter:innen bzw. als Konzept bestenfalls in Computerordnern archiviert.
2003 übernahm ich dann nach dem Weggang von Hikmet Kayahan auch direkt die Verantwortung für das JUBIZ.
Aber damit sind wir endgültig schon einige Schritte im nächste Jahrtausend - und darüber, wie es mit diesen Projekten und anderen Vorhaben dann weiterging, erzähle ich dann gerne im nächsten Beitrag.
Abschließend daher nur noch eine persönliche Anmerkung:
Für mich war die hier beschriebene Zeit ein äußerst spannender, motivierender, aber auch erfahrungsreicher und bereichernder Teil meines Lebenswegs. Bereichernd nicht nur inhaltlich, indem ich vieles an Zugängen und Sichtweisen mitnehmen konnte für meine spätere Arbeit in unterschiedlichen Funktionen.
Sondern vor allem war es auch eine Zeit der Zusammenarbeit mit vielen, ganz unterschiedlichen großartigen Menschen, von denen ich hier nur einige wenige erwähnen konnte. Eine Zeit kreativer Arbeitsbeziehungen, oft auch bestärkender Arbeitsfreundschaften, die zum Teil noch bis heute bestehen. Ich möchte mich daher an dieser Stelle bedanken bei all diesen Menschen, die auf ihre Weise dazu beigetragen haben, dass diese spannenden Projekte, die ich hier beschrieben habe, auch so einzigartig geworden sind und die dieses Feuer bis heute weiter tragen.
***
Literaturhinweise:
- Mario Rieder: Bildungsprojekte der Volkshochschule Ottakring. Volkshochschularbeit in Österreich Bd.1. Hg. vom Verband Österreichischer Volkshochschulen. Promedia 1992.
- Mario Rieder, Thomas Fritz: Deutsch als Zweitsprache im Spannungsfeld zwischen politischem Anspruch und realen Bedingungen. Ein Briefwechsel. In: ÖDaF Mitteilungen (2006)
- Monika Ritter: Alphabetisierung mit MigrantInnen: Brückenkurs oder kombinierte Kurse für
Alphabetisierung und Deutsch? In: Alfa‐Forum 60/2005. Zeitschrift für Alphabetisierung und
Grundbildung. Hg. Bundesverband Alphabetisierung e.V. Münster.
- Monika Ritter: Die Lernenden, der Unterricht und die Kurse im Alfa-Zentrum für MigrantInnen (2004).