"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Der Weg zur Strukturreform der Wiener Volkshochschulen
23.04.2026
Die große Strukturreform der Wiener Volkshochschulen in einem Blogbeitrag zu beschreiben ist alles andere als ein einfaches Unterfangen. Es gibt viele Aspekte und Ebenen dieses Reformprozess, über die berichtet werden kann, und sicherlich auch ebenso viele wie unterschiedliche Geschichten, die aus verschiedenen Blickwinkeln darüber erzählt werden könnten.
Ich versuche daher einfach in bewährter Form, wie bereits in den vorangegangenen Folgen über die VHS Ottakring, die Geschichte dieser Transformation entlang meiner Wahrnehmungen und Erinnerungen zu erzählen, mit Verweisen auf die jeweiligen Kontexte als Referenzpunkte.
Ich möchte daher zum Start zunächst ins Jahr 2007 zurück reisen: Die VHS Ottakring hatte - wie in den letzten beiden Folgen beschrieben - inzwischen ein besonderes Profil in der feministischen Bildungsarbeit ebenso wie in der Bildungsarbeit im Kontext Migration und mit einer klaren Integrations- und sprachenpolitischen Haltung entwickelt.
Ebenso hatten auch einige andere Wiener Volkshochschulen ziemlich eigenständig und auf ganz unterschiedliche Weise ein spezielles markantes Profil entwickelt.
Ganz besonders die ebenso traditionelle Volkshochschule Margareten in der Stöbergasse, die sich als "polycollege" mit einem eigenen Label positioniert hatte - vor allem auch aus Marketing-Gründen, um sich vom verstaubten Volkshochschul-Image abzuheben. Unkonventionell waren auch die Aktivitäten der VHS polycollege, die damit einen erfrischenden neuen bunten Wind in die VHS Landschaft brachten. Allerdings auch um den Preis, im Verlauf der Entwicklung dann immer öfter den Marketingeffekt über den Inhalt zu stellen und Kernaufgaben der Volksbildung tendenziell aus dem Auge zu verlieren.
Aber auch andere Volkshochschulen hatten ein spezielles Profil erarbeitet – etwa die VHS Hietzing als Ort durchaus auch provokativer demokratiepolitischer und zeitgeschichtlicher Bildungsarbeit, die VHS Brigittenau mit einem zum Teil sehr exotischen Sprachenangebot für fast 100 Fremdsprachen inklusive Klingonisch oder die VHS Meidling und die VHS Floridsdorf als zwei der insgesamt vier Standorte mit einem großen Schwerpunkt im Bereich des 2. Bildungsweges.
Zugleich gab es aber auch Bezirksvolkshochschulen, die schon beim Betreten den Eindruck machten, sie würden seit den 1970er Jahren mehr oder weniger in einer Art Dornröschen-Schlaf konserviert worden sein.
Die Entwicklungen an den einzelnen VHS Standorten waren jedenfalls immer sehr personenabhängig, und so waren viele Innovationen somit das Ergebnis durchaus produktiver Profilierungs-Interessen einzelner Volkshochschule Direktor:innen.
Oft geschah das in unabgestimmten Einzelgängen, leider immer wieder auch in konkurrierender Abgrenzung zu anderen Volkshochschulen, was einmal in der 1990er Jahren einen bekannten Abteilungsleiter im Unterrichtsministerium bei einer Sitzung zur Klarstellung veranlasste, dass es nicht angebracht sei, mit Fördermillionen „Dallas“ oder „Dynasty“ zu spielen - in Anspielung an die TV-Kultserien aus den 1980er Jahren über Familienintrigen und Machtkämpfe in US-amerikanischen Öldynastien.
Und ich muss ja zugeben, dass auch wir in der VHS Ottakring immer wieder solche Einzelgänge betrieben, weil wir oft darin den einzigen Weg sahen, Themen, die uns am Herzen lagen, auch effektiv voranzubringen, neue Konzepte der Bildungsarbeit umzusetzen und neue Zielgruppen anzusprechen. Zugleich suchte ich nach funktionierenden Hebeln, die spannenden Modelle, die wir in der VHS Ottakring entwickelt und etabliert hatten, auch wienweit auszurollen und zu implementieren.
Strukturell waren die 18 Wiener Volkshochschulen damals als jeweils eigenständige Vereine organisiert, mit stark auch politisch in den jeweiligen Gemeindebezirken verankerten Vorständen. Und mit einem gemeinsamen Dachverband, dem Verband Wiener Volksbildung, der sich im Wesentlichen aus den Vorsitzenden dieser Bezirksvolkshochschulvereine zusammensetzte. Dessen Gewicht allerdings weit über das eines üblichen Dachverbands hinaus ging, da er über die Personalhoheit für die in den VHS Vereinen tätigen hauptberuflichen Mitarbeiter:innen verfügte und nicht zuletzt auf diesem Weg die von der Stadt Wien bereit gestellten Subventionen verwaltete.
Um diese Strukturen und die ihnen innewohnenden Dynamiken und Interessenskonflikte zu verstehen, lohnt es sich, einen kurzen Blick in die Geschichte der Wiener Volkshochschulen nach 1945 zu werfen. Eine Geschichte, die von einem ständigen Tauziehen zwischen dem Bemühen um zentrale Koordination und dem Unabhängigkeitsstreben der einzelnen Volkshochschulvereine geprägt war. Ein Muster, das sich über diesen gesamten Zeitraum bis hin zur Strukturreform 2007/2008 durchzog.
Schon kurz nach dem engagierten Neustart und Wiederaufbau der Volkshochschularbeit 1945 gab es einen ersten spannenden Anlauf zur Schaffung eines übergreifenden Bildungsverbundes, getragen durch den damaligen Volksbildungs- und Kulturstadtrat Viktor Matejka. Und das gleich wirklich groß und übergreifend angelegt. Nämlich in Form einer Dachorganisation des gesamten öffentlichen Bildungswesen, ein Dach, das von den Volkshochschulen über die Büchereien bis zu Radio und Fernsehen reichen sollte.
Dieses vielleicht zu ambitionierte Projekt (das aber auch durchaus den damaligen ideellen Stellenwert der Volksbildung in Relation zu Fernsehen und Radio verdeutlicht) scheiterte nach kurzem Anlauf nicht nur, aber auch am skeptisch-kritischen Widerstand der Volkshochschulen, die auf ihrer Eigenständigkeit beharrten.
Statt dessen kam es dann 1947 zu einer pragmatischen Lösung in Form der Gründung des Verbandes Wiener Volksbildung, der als gemeinsamer Dachverband zunächst va administrative Serviceleistungen für die VHS Standorte übernahm. Die inhaltliche Eigenständigkeit der einzelnen Volkshochschulvereine blieb dabei weitgehend unangetastet.
Einen weiteren Anlauf zur Schaffung sinnvoller Koordinations- und Steuerungsstrukturen gab es dann in den 1960er Jahren - vorangetrieben durch den langjährigen, sehr reformaffinen Zentralsekretär Wolfgang Speiser - durch die Einführung von fünf Regionalverbünden mit einem übergreifenden Regionalmanagement und einem koordinierten Programmangebot. Das Vorhaben scheiterte ebenfalls nach kurzer Zeit am Widerstand und Autonomiebestreben der Volkshochschulvereine.
Das einzige Zugeständnis zu einem wesentlichen Schritt der Zentralisierung war dann die ab 1975 erfolgte Übernahme der zentralen Personalhoheit für alle VHS Mitarbeiter:innen durch den Verband Wiener Volksbildung, verbunden mit einem Stellenplan, einem einheitlichen Gehaltsschema und einer zentralen Buchhaltung. Und bereits das wurde mancherorts als abzulehnende Einschränkung der Selbständigkeit der einzelnen Volkshochschulen gesehen.
Nun, mit der Strukturreform 2007, wurden jetzt aber endlich doch die Weichen in Richtung einer Zusammenführung der Volkshochschulvereine zu einer gemeinsamen, koordiniert agierenden Organisation gestellt, vor allem auch aufgrund des wachsenden wirtschaftlichen Veränderungsdrucks. Mit der in den vorangegangenen Jahren vorbereiteten politischen Entscheidung für die Gründung der Wiener Volkshochschulen GmbH, mit der Stadt Wien sowohl als Auftraggeberin als auch als künftige Miteigentümerin.
Mit der Realisierung dieses fundamentalen Reformprojekts beauftragt wurde Wolfgang Bandhauer, der Anfang 2007 zum neuen Landesgeschäftsführer der Wiener Volksbildung bestellt worden war.
„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Dieses Erich Kästner Zitat war der Leitspruch von Wolfgang Bandhauer. Er war eine beeindruckende Persönlichkeit, die humanistisches Wissen, bildungspolitische Haltung und Managementkompetenz in einzigartiger Weise in sich vereinte. Und so genoß er auch sehr rasch innerhalb der Wiener Volkshochschulen hohe Anerkennung, nicht zuletzt auch aufgrund seiner feinsinnig-klugen und zugleich gewinnenden Ausstrahlung.
Er begann seine Laufbahn in den 1980er Jahren als Sprachwissenschaftler an der Wiener Romanistik, war damals auch politisch in der Wiener Sozialdemokratie aktiv, wechselte dann aber in einer radikalen Lebensänderung von Wissenschaft und Politik in die Privatwirtschaft und war dort u.a. als Geschäftsführer von Berndorf Besteck bzw. der Porzellanmanufaktur Augarten tätig, bevor er nun wieder sozusagen an seine bildungspolitischen Wurzeln zurückkehrte, die allerdings nie aus den Augen verloren hatte.
Wolfgang Bandhauer war auch sehr prägend für mich, als eine Art Mentor und Lehrer. Er war mir bereits aus meiner Studienzeit am Romanistik-Institut in Wien bekannt und unsere Wege kreuzten sich dann wieder in der VHS Ottakring, deren Vorstandsvorsitzender er ab Anfang der 1990er Jahre war, und wo unsere Zusammenarbeit von Anfang an immer von gegenseitiger Wertschätzung gekennzeichnet war.
Und so sah ich es als ermutigendes Signal für die künftige Entwicklung unserer Arbeit, dass er nun diesen Weg in die Zukunft steuern sollte.
Und ich erinnere mich noch gut an jenen Abend, als er kurz nach seiner Bestellung am Rande eines Bezirksempfangs das Gespräch mit mir suchte, und sich nach meiner Einschätzung der künftigen Zusammenarbeit mit der Stadt Wien im Integrationsbereich erkundigte, und welche Chancen bzw. Risiken ich da für die Wiener Volkshochschulen sehen würde. Ich stellte ihm dann am Ende dieses längeren Gesprächs die spontane Frage, ob ich ihn nicht künftig mit meiner Expertise direkt in seiner neuen Aufgabe unterstützen könnte. Er stieg sofort interessiert darauf ein und wir vereinbarten einen Termin, um das in Ruhe weiter zu durchzudenken.
Wir vertieften und konkretisierten die gemeinsamen Überlegungen dann in mehreren Gesprächen und kamen relativ rasch überein, eng zusammenzuarbeiten, als Team sozusagen, er als verantwortlicher Chef und mit seiner fundierten Managementkompetenz und ich als ihn unterstützende Stabsstelle für Strategie und Projektmanagement in der Geschäftsführung, mit meiner guten langjährigen Kenntnis der Arbeit der Volkshochschulen und ihres Umfelds in der Stadt Wien.
Für mich war damit nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, meine Arbeit in der VHS Ottakring abzuschließen und weiter zu ziehen, in die VHS Zentrale. Ein Abschied, der mir emotional alles andere als leicht fiel, nach nun fast 20 Jahren an diesem einzigartigen Ort mit diesen einzigartigen Menschen. Aber zugleich war es für mich kein völliger Abschied war, sondern eher ein Wechsel, weil ich ja von einem anderen Ort aus weiter für unsere Ziele wirken würde, ein Ort, der aus meiner Sicht in der kommenden Struktur noch besser dafür geeignet sein würde.
Und ab dem Frühsommer legten wir dann gemeinsam mit dem gesamten Projektteam für die Strukturreform los, in einem immensen Tempo. Das Vorhaben war ja auch, mit Wolfgang Bandhauers Worten, „sehr ambitioniert“.
Bis Endes des Jahres sollte die neue GmbH stehen. Dh, bis dahin mussten die Strukturen und Abläufe des neuen Unternehmens erarbeitet und vorbereitet werden, zugleich auch alle vertrags- und arbeitsrechtlichen sowie finanztechnischen Fragen der Transformation geklärt und nicht zuletzt die erforderlichen Beschlüsse in den Gremien des Verbandes Wiener Volksbildung wie auch in den Volkshochschulvereinen herbei geführt werden. Und dabei auch noch unzählige Spezialfragen gelöst werden - etwa, wie die vielfältigen Spezialeinrichtungen, wie die sozialökonomischen Betriebe, die Umweltberatung, die astronomischen Einrichtungen oder die „Kleine Galerie“ organisatorisch und rechtlich in die neue Struktur integriert werden sollten.
Ja, und nicht zuletzt musste auch der Stadt Wien gegen Ende des Jahres ein fundiertes Gesamtkonzept vorgelegt werden, um auch dort die erforderlichen Beschlüsse herbei zu führen und die geplante fünfjährige Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung abschließen zu können.
Parallel war es entscheidend, die Mitarbeiter:innen, die die Entwicklungen mit nervöser Erwartung verfolgten, laufend zu informieren, so transparent wie möglich, bzw. so transparent, wie es in einem derartigen heiklen Prozess mit vielen Playern und sich auch für uns laufend verändernden Informationsständen möglich ist.
Wolfgang Bandhauer hatte für diese interne Mitarbeiter:innen Kommunikation unter anderem den weiteren Weg zur gemeinsamen VHS GmbH in das Bild mehrerer Berggipfel gegossen, die als Meilensteine bis zum 31.12. erklommen werden müssten. Den ersten hatten wir Mit den Grundsatzbeschlüssen des Zentralvorstands vor dem Sommer gerade erreicht, die anderen lagen noch vor uns. Aber wir kamen gut voran.
Aber dann, es war ein Sonntagnachmittag im Oktober, wir waren gerade zu Besuch bei Freunden, klingelte mein Handy. Es war Wolfgang Bandhauer. Er sei im Spital, Komplikationen nach einem kurz zuvor durchgeführten an sich eher harmlosen Routineeingriff. Und er falle für die nächste Zeit aus. Ich müsse daher ab Montag alle seine Termine übernehmen und vor allem auch die Projektleitung der Strukturreform.
Für mich änderte sich über Nacht mein gesamter Arbeits- und Lebensrhythmus. Ich übernahm sozusagen volley den Arbeitskalender von Wolfgang Bandhauer und startete gleich am Montag morgen mit einer Förderbesprechung im Sozialministerium. Und war dann am Abend bei der Vorstandssitzung eines der Volkshochschulvereine - der in den nächsten Wochen dann noch etliche weitere folgen sollten.
Diese Termine mit den Vereinsvorständen in den Bezirken waren besonders erfolgskritisch für das Gelingen der Reform. Denn dort mussten die entsprechenden Beschlüsse zur Statutenänderung erfolgen, mit denen die Vereine ihren VHS Bildungsbetrieb an die neue gemeinsame GmbH übertrugen und sich selbst in sogenannte Fördervereine umwandelten, die künftig keine operative Verantwortung für die Bildungsarbeit der Volkshochschulen hatten, aber als wichtige lokale ehrenamtliche Netzwerke die Arbeit weiter unterstützen sollten.
Und auch wenn im wienweiten Zentralvorstand bereits die Beschlüsse zu dieser Transformation erfolgt waren, gab es in den einzelnen Bezirksvereinen dennoch mehr oder weniger große Vorbehalte gegen das Abgeben ihrer direkten Einfluss- und Steuermöglichkeiten, mit jeweils sehr unterschiedlichen Aspekten. In diesen Sitzungen mussten sie daher in einer Mischung aus rationalen Argumenten und einer gewissen nachdrücklichen Überzeugungskraft dazu bewegt werden, diese Beschlüsse zu fassen.
Was in den folgenden Wochen auch mit einer Ausnahme gelang, nämlich der VHS Polycollege, die nochmals besonders spezielle Konstellationen und Interessen hatte und sich hartnäckig gegen diese Integration wehrte. Und diese Beschlüsse erst im darauffolgenden Jahr, nach schwierigen Verhandlungen traf, die auch meine Lösungskompetenz maximal herausforderten.
Zugleich musste das Projektteam und dessen komplexer Arbeitsplan sowie die Abstimmung mit der Stadt Wien am Laufen gehalten werden, da der Zeitplan extrem eng getaktet war und auf jeden Fall eingehalten werden musste. Was wir letztendlich auch tatsächlich schafften. Für mich eine äußerst intensive und auch erfahrungsreiche Zeit.
Wolfgang Bandhauer, mit dem ich laufend in Kontakt war, konnte dann Anfang Dezember das Spital verlassen, war aber weiter in ambulanter Behandlung und augenscheinlich gesundheitlich sehr angeschlagen und geschwächt.
Aber das Ziel vor Augen mobilisierte er seine Kräfte und er schaffte es dann auch persönlich die abschließenden formalen Schritte zu setzen: Mit der notariellen Gründung der neuen VHS GmbH am 18. Dezember, auf der Basis des Anfang Dezember erfolgten Gemeinderatsbeschlusses. Und ich kann mich noch an die erleichterte Freude in seinen Augen bei einem anschließenden kleinen Get-together in der Zentrale erinnern: Er hatte, wir hatten, seinen Mount Everest geschafft. Die Strukturreform war nun Realität.
Was zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt war: Es handelte sich bei seinen Krankenhausaufenthalten nicht um die Folgen eines Routinegriffs, sondern um eine Krebserkrankung. Wolfgang Bandhauer wollte den Reformprozess nicht durch die Verunsicherung gefährden, die diese Information intern und extern ausgelöst hätte und hatte darum nur den kleinstmöglichen Kreis eingeweiht. Auch ich wusste lange Zeit nicht explizit Bescheid, auch wenn ich es immer mehr ahnte und befürchtete.
Aber er wirkte jetzt, kurz vor Weihnachten, völlig zuversichtlich, sowohl was ihn persönlich als auch unseren weiteren Weg mit den neu aufgestellten Wiener Volkshochschulen betraf.
Am 30. Dezember, ich war gerade auf Winterurlaub mit Familie und Freunden in Tirol, ereilte mich allerdings erneut ein Handyanruf: Wolfgang Bandhauer war unerwartet verstorben. Wie sich später herausstellte, war er an sich tatsächlich bereits auf einem gutem Weg der Genesung, es gab dann aber einen plötzlich Rückschlag, der ihn unvermittelt aus dem Leben riss.
Für mich war diese Nachricht ein schwerer Schock: Persönlich, da unsere Arbeitsfreundschaft uns im vorangegangen Jahr sehr eng zusammengeführt und verbunden hatte. Und beruflich, weil plötzlich unsere klaren Perspektiven des gemeinsamen Weges in der neuen VHS GmbH plötzlich in Frage gestellt waren.
In diesem Zustand der Trauer begann bei mir daher nach einigen Tagen auch das intensive Nachdenken, wie es einerseits für die neu gegründete VHS GmbH und andererseits für mich persönlich weiter gehen könnte. Und sehr rasch war mir klar, dass es für mich nur zwei Optionen gab: Entweder ich nehme die Herausforderung an, und bewerbe mich für die Nachfolge von Wolfgang Bandhauer, um in seinem Sinn unsere gemeinsame Ziele für die Wiener Volkshochschulen weiter zu verfolgen - oder ich mache einen Neustart andernorts und schlage einen völlig neuen anderen Weg ein.
Und so nahm ich die Herausforderung an bewarb mich für die Geschäftsführung, auch wenn es zunächst völlig unklar war, ob ich tatsächlich eine Chance hätte. Denn es gab weiterhin divergierende Interessen in Bezug auf die Ausrichtung der Strukturreform und auch Vorbehalte gegen mich als Geschäftsführer. Nicht zuletzt auch seitens einiger VHS Direktoren, die sich ohnedies aus ihrer Sicht durch die Strukturreform „entmachtet“ fühlten.
Ich erhielt aber umgekehrt auch von manch anderer Seite positive, unterstützende und bestärkende Signale.
Der Gegenwind war jedenfalls durchaus deutlich spürbar und der Weg in diesen Wochen war für mich somit alles andere als einfach. Schlussendlich konnte ich mich dann doch im Auswahlverfahren durchsetzen und wurde nach etwa zwei Monaten mit Ende Februar zum neuen Geschäftsführer bestellt.
Es war ein vielleicht kleiner Schritt für die Menschheit, aber jedenfalls ein großer Sprung für mich. Ich war immerhin aus der dritten oder vierten Reihe, wie es so heißt, an die Spitze eines großen Bildungsunternehmens gesprungen.
Und ich denke, dass es oft gerade solche Krisensituationen sind, in denen Menschen wie ich, die nicht den konventionellen Karrieremustern entsprechen, eine Chance erhalten, Verantwortung zu übernehmen. Weil oft sonst niemand bereit ist, diese Verantwortung in einer solchen offenen, ungesicherten Situation zu übernehmen.
Die anschließenden Wochen und Monate waren für mich dann mindestens so erfahrungs- und lehrreich wie es bereits der vorangegangene Herbst war. Darüber, und vor allem, wie es mit der neuen VHS GmbH dann ab 2008 inhaltlich weitergegangen ist, darüber erzähle ich dann gerne mehr im nächsten Beitrag.
- Wilhelm Filla: Volkshochschularbeit in Österreich - Zweite Republik. Eine Spurensuche. Leykam 1991
- Wolfgang Speiser: Wiener Volksbildung nach 1945. Österreichischer Bundesverlag 1982.
- Christian H. Stifter: Geistige Stadterweiterung. Eine kurze Geschichte der Wiener Volkshochschulen 1887 - 2005. Verlag Bibliothek der Provinz
Ich versuche daher einfach in bewährter Form, wie bereits in den vorangegangenen Folgen über die VHS Ottakring, die Geschichte dieser Transformation entlang meiner Wahrnehmungen und Erinnerungen zu erzählen, mit Verweisen auf die jeweiligen Kontexte als Referenzpunkte.
Die Ausgangssituation 2007
Ich möchte daher zum Start zunächst ins Jahr 2007 zurück reisen: Die VHS Ottakring hatte - wie in den letzten beiden Folgen beschrieben - inzwischen ein besonderes Profil in der feministischen Bildungsarbeit ebenso wie in der Bildungsarbeit im Kontext Migration und mit einer klaren Integrations- und sprachenpolitischen Haltung entwickelt.
Ebenso hatten auch einige andere Wiener Volkshochschulen ziemlich eigenständig und auf ganz unterschiedliche Weise ein spezielles markantes Profil entwickelt.
Ganz besonders die ebenso traditionelle Volkshochschule Margareten in der Stöbergasse, die sich als "polycollege" mit einem eigenen Label positioniert hatte - vor allem auch aus Marketing-Gründen, um sich vom verstaubten Volkshochschul-Image abzuheben. Unkonventionell waren auch die Aktivitäten der VHS polycollege, die damit einen erfrischenden neuen bunten Wind in die VHS Landschaft brachten. Allerdings auch um den Preis, im Verlauf der Entwicklung dann immer öfter den Marketingeffekt über den Inhalt zu stellen und Kernaufgaben der Volksbildung tendenziell aus dem Auge zu verlieren.
Aber auch andere Volkshochschulen hatten ein spezielles Profil erarbeitet – etwa die VHS Hietzing als Ort durchaus auch provokativer demokratiepolitischer und zeitgeschichtlicher Bildungsarbeit, die VHS Brigittenau mit einem zum Teil sehr exotischen Sprachenangebot für fast 100 Fremdsprachen inklusive Klingonisch oder die VHS Meidling und die VHS Floridsdorf als zwei der insgesamt vier Standorte mit einem großen Schwerpunkt im Bereich des 2. Bildungsweges.
Zugleich gab es aber auch Bezirksvolkshochschulen, die schon beim Betreten den Eindruck machten, sie würden seit den 1970er Jahren mehr oder weniger in einer Art Dornröschen-Schlaf konserviert worden sein.
Die Entwicklungen an den einzelnen VHS Standorten waren jedenfalls immer sehr personenabhängig, und so waren viele Innovationen somit das Ergebnis durchaus produktiver Profilierungs-Interessen einzelner Volkshochschule Direktor:innen.
Oft geschah das in unabgestimmten Einzelgängen, leider immer wieder auch in konkurrierender Abgrenzung zu anderen Volkshochschulen, was einmal in der 1990er Jahren einen bekannten Abteilungsleiter im Unterrichtsministerium bei einer Sitzung zur Klarstellung veranlasste, dass es nicht angebracht sei, mit Fördermillionen „Dallas“ oder „Dynasty“ zu spielen - in Anspielung an die TV-Kultserien aus den 1980er Jahren über Familienintrigen und Machtkämpfe in US-amerikanischen Öldynastien.
Und ich muss ja zugeben, dass auch wir in der VHS Ottakring immer wieder solche Einzelgänge betrieben, weil wir oft darin den einzigen Weg sahen, Themen, die uns am Herzen lagen, auch effektiv voranzubringen, neue Konzepte der Bildungsarbeit umzusetzen und neue Zielgruppen anzusprechen. Zugleich suchte ich nach funktionierenden Hebeln, die spannenden Modelle, die wir in der VHS Ottakring entwickelt und etabliert hatten, auch wienweit auszurollen und zu implementieren.
Strukturell waren die 18 Wiener Volkshochschulen damals als jeweils eigenständige Vereine organisiert, mit stark auch politisch in den jeweiligen Gemeindebezirken verankerten Vorständen. Und mit einem gemeinsamen Dachverband, dem Verband Wiener Volksbildung, der sich im Wesentlichen aus den Vorsitzenden dieser Bezirksvolkshochschulvereine zusammensetzte. Dessen Gewicht allerdings weit über das eines üblichen Dachverbands hinaus ging, da er über die Personalhoheit für die in den VHS Vereinen tätigen hauptberuflichen Mitarbeiter:innen verfügte und nicht zuletzt auf diesem Weg die von der Stadt Wien bereit gestellten Subventionen verwaltete.
Entwicklungen der Wiener Volksbildung ab 1945
Um diese Strukturen und die ihnen innewohnenden Dynamiken und Interessenskonflikte zu verstehen, lohnt es sich, einen kurzen Blick in die Geschichte der Wiener Volkshochschulen nach 1945 zu werfen. Eine Geschichte, die von einem ständigen Tauziehen zwischen dem Bemühen um zentrale Koordination und dem Unabhängigkeitsstreben der einzelnen Volkshochschulvereine geprägt war. Ein Muster, das sich über diesen gesamten Zeitraum bis hin zur Strukturreform 2007/2008 durchzog.
Schon kurz nach dem engagierten Neustart und Wiederaufbau der Volkshochschularbeit 1945 gab es einen ersten spannenden Anlauf zur Schaffung eines übergreifenden Bildungsverbundes, getragen durch den damaligen Volksbildungs- und Kulturstadtrat Viktor Matejka. Und das gleich wirklich groß und übergreifend angelegt. Nämlich in Form einer Dachorganisation des gesamten öffentlichen Bildungswesen, ein Dach, das von den Volkshochschulen über die Büchereien bis zu Radio und Fernsehen reichen sollte.
Dieses vielleicht zu ambitionierte Projekt (das aber auch durchaus den damaligen ideellen Stellenwert der Volksbildung in Relation zu Fernsehen und Radio verdeutlicht) scheiterte nach kurzem Anlauf nicht nur, aber auch am skeptisch-kritischen Widerstand der Volkshochschulen, die auf ihrer Eigenständigkeit beharrten.
Statt dessen kam es dann 1947 zu einer pragmatischen Lösung in Form der Gründung des Verbandes Wiener Volksbildung, der als gemeinsamer Dachverband zunächst va administrative Serviceleistungen für die VHS Standorte übernahm. Die inhaltliche Eigenständigkeit der einzelnen Volkshochschulvereine blieb dabei weitgehend unangetastet.
Einen weiteren Anlauf zur Schaffung sinnvoller Koordinations- und Steuerungsstrukturen gab es dann in den 1960er Jahren - vorangetrieben durch den langjährigen, sehr reformaffinen Zentralsekretär Wolfgang Speiser - durch die Einführung von fünf Regionalverbünden mit einem übergreifenden Regionalmanagement und einem koordinierten Programmangebot. Das Vorhaben scheiterte ebenfalls nach kurzer Zeit am Widerstand und Autonomiebestreben der Volkshochschulvereine.
Das einzige Zugeständnis zu einem wesentlichen Schritt der Zentralisierung war dann die ab 1975 erfolgte Übernahme der zentralen Personalhoheit für alle VHS Mitarbeiter:innen durch den Verband Wiener Volksbildung, verbunden mit einem Stellenplan, einem einheitlichen Gehaltsschema und einer zentralen Buchhaltung. Und bereits das wurde mancherorts als abzulehnende Einschränkung der Selbständigkeit der einzelnen Volkshochschulen gesehen.
Nun, mit der Strukturreform 2007, wurden jetzt aber endlich doch die Weichen in Richtung einer Zusammenführung der Volkshochschulvereine zu einer gemeinsamen, koordiniert agierenden Organisation gestellt, vor allem auch aufgrund des wachsenden wirtschaftlichen Veränderungsdrucks. Mit der in den vorangegangenen Jahren vorbereiteten politischen Entscheidung für die Gründung der Wiener Volkshochschulen GmbH, mit der Stadt Wien sowohl als Auftraggeberin als auch als künftige Miteigentümerin.
Wolfgang Bandhauer
Mit der Realisierung dieses fundamentalen Reformprojekts beauftragt wurde Wolfgang Bandhauer, der Anfang 2007 zum neuen Landesgeschäftsführer der Wiener Volksbildung bestellt worden war.
„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Dieses Erich Kästner Zitat war der Leitspruch von Wolfgang Bandhauer. Er war eine beeindruckende Persönlichkeit, die humanistisches Wissen, bildungspolitische Haltung und Managementkompetenz in einzigartiger Weise in sich vereinte. Und so genoß er auch sehr rasch innerhalb der Wiener Volkshochschulen hohe Anerkennung, nicht zuletzt auch aufgrund seiner feinsinnig-klugen und zugleich gewinnenden Ausstrahlung.
Er begann seine Laufbahn in den 1980er Jahren als Sprachwissenschaftler an der Wiener Romanistik, war damals auch politisch in der Wiener Sozialdemokratie aktiv, wechselte dann aber in einer radikalen Lebensänderung von Wissenschaft und Politik in die Privatwirtschaft und war dort u.a. als Geschäftsführer von Berndorf Besteck bzw. der Porzellanmanufaktur Augarten tätig, bevor er nun wieder sozusagen an seine bildungspolitischen Wurzeln zurückkehrte, die allerdings nie aus den Augen verloren hatte.
Wolfgang Bandhauer war auch sehr prägend für mich, als eine Art Mentor und Lehrer. Er war mir bereits aus meiner Studienzeit am Romanistik-Institut in Wien bekannt und unsere Wege kreuzten sich dann wieder in der VHS Ottakring, deren Vorstandsvorsitzender er ab Anfang der 1990er Jahre war, und wo unsere Zusammenarbeit von Anfang an immer von gegenseitiger Wertschätzung gekennzeichnet war.
Und so sah ich es als ermutigendes Signal für die künftige Entwicklung unserer Arbeit, dass er nun diesen Weg in die Zukunft steuern sollte.
Und ich erinnere mich noch gut an jenen Abend, als er kurz nach seiner Bestellung am Rande eines Bezirksempfangs das Gespräch mit mir suchte, und sich nach meiner Einschätzung der künftigen Zusammenarbeit mit der Stadt Wien im Integrationsbereich erkundigte, und welche Chancen bzw. Risiken ich da für die Wiener Volkshochschulen sehen würde. Ich stellte ihm dann am Ende dieses längeren Gesprächs die spontane Frage, ob ich ihn nicht künftig mit meiner Expertise direkt in seiner neuen Aufgabe unterstützen könnte. Er stieg sofort interessiert darauf ein und wir vereinbarten einen Termin, um das in Ruhe weiter zu durchzudenken.
Wir vertieften und konkretisierten die gemeinsamen Überlegungen dann in mehreren Gesprächen und kamen relativ rasch überein, eng zusammenzuarbeiten, als Team sozusagen, er als verantwortlicher Chef und mit seiner fundierten Managementkompetenz und ich als ihn unterstützende Stabsstelle für Strategie und Projektmanagement in der Geschäftsführung, mit meiner guten langjährigen Kenntnis der Arbeit der Volkshochschulen und ihres Umfelds in der Stadt Wien.
Für mich war damit nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, meine Arbeit in der VHS Ottakring abzuschließen und weiter zu ziehen, in die VHS Zentrale. Ein Abschied, der mir emotional alles andere als leicht fiel, nach nun fast 20 Jahren an diesem einzigartigen Ort mit diesen einzigartigen Menschen. Aber zugleich war es für mich kein völliger Abschied war, sondern eher ein Wechsel, weil ich ja von einem anderen Ort aus weiter für unsere Ziele wirken würde, ein Ort, der aus meiner Sicht in der kommenden Struktur noch besser dafür geeignet sein würde.
Die Arbeit an der Strukturreform
Und ab dem Frühsommer legten wir dann gemeinsam mit dem gesamten Projektteam für die Strukturreform los, in einem immensen Tempo. Das Vorhaben war ja auch, mit Wolfgang Bandhauers Worten, „sehr ambitioniert“.
Bis Endes des Jahres sollte die neue GmbH stehen. Dh, bis dahin mussten die Strukturen und Abläufe des neuen Unternehmens erarbeitet und vorbereitet werden, zugleich auch alle vertrags- und arbeitsrechtlichen sowie finanztechnischen Fragen der Transformation geklärt und nicht zuletzt die erforderlichen Beschlüsse in den Gremien des Verbandes Wiener Volksbildung wie auch in den Volkshochschulvereinen herbei geführt werden. Und dabei auch noch unzählige Spezialfragen gelöst werden - etwa, wie die vielfältigen Spezialeinrichtungen, wie die sozialökonomischen Betriebe, die Umweltberatung, die astronomischen Einrichtungen oder die „Kleine Galerie“ organisatorisch und rechtlich in die neue Struktur integriert werden sollten.
Ja, und nicht zuletzt musste auch der Stadt Wien gegen Ende des Jahres ein fundiertes Gesamtkonzept vorgelegt werden, um auch dort die erforderlichen Beschlüsse herbei zu führen und die geplante fünfjährige Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung abschließen zu können.
Parallel war es entscheidend, die Mitarbeiter:innen, die die Entwicklungen mit nervöser Erwartung verfolgten, laufend zu informieren, so transparent wie möglich, bzw. so transparent, wie es in einem derartigen heiklen Prozess mit vielen Playern und sich auch für uns laufend verändernden Informationsständen möglich ist.
Wolfgang Bandhauer hatte für diese interne Mitarbeiter:innen Kommunikation unter anderem den weiteren Weg zur gemeinsamen VHS GmbH in das Bild mehrerer Berggipfel gegossen, die als Meilensteine bis zum 31.12. erklommen werden müssten. Den ersten hatten wir Mit den Grundsatzbeschlüssen des Zentralvorstands vor dem Sommer gerade erreicht, die anderen lagen noch vor uns. Aber wir kamen gut voran.
Der Herbst 2007
Aber dann, es war ein Sonntagnachmittag im Oktober, wir waren gerade zu Besuch bei Freunden, klingelte mein Handy. Es war Wolfgang Bandhauer. Er sei im Spital, Komplikationen nach einem kurz zuvor durchgeführten an sich eher harmlosen Routineeingriff. Und er falle für die nächste Zeit aus. Ich müsse daher ab Montag alle seine Termine übernehmen und vor allem auch die Projektleitung der Strukturreform.
Für mich änderte sich über Nacht mein gesamter Arbeits- und Lebensrhythmus. Ich übernahm sozusagen volley den Arbeitskalender von Wolfgang Bandhauer und startete gleich am Montag morgen mit einer Förderbesprechung im Sozialministerium. Und war dann am Abend bei der Vorstandssitzung eines der Volkshochschulvereine - der in den nächsten Wochen dann noch etliche weitere folgen sollten.
Diese Termine mit den Vereinsvorständen in den Bezirken waren besonders erfolgskritisch für das Gelingen der Reform. Denn dort mussten die entsprechenden Beschlüsse zur Statutenänderung erfolgen, mit denen die Vereine ihren VHS Bildungsbetrieb an die neue gemeinsame GmbH übertrugen und sich selbst in sogenannte Fördervereine umwandelten, die künftig keine operative Verantwortung für die Bildungsarbeit der Volkshochschulen hatten, aber als wichtige lokale ehrenamtliche Netzwerke die Arbeit weiter unterstützen sollten.
Und auch wenn im wienweiten Zentralvorstand bereits die Beschlüsse zu dieser Transformation erfolgt waren, gab es in den einzelnen Bezirksvereinen dennoch mehr oder weniger große Vorbehalte gegen das Abgeben ihrer direkten Einfluss- und Steuermöglichkeiten, mit jeweils sehr unterschiedlichen Aspekten. In diesen Sitzungen mussten sie daher in einer Mischung aus rationalen Argumenten und einer gewissen nachdrücklichen Überzeugungskraft dazu bewegt werden, diese Beschlüsse zu fassen.
Was in den folgenden Wochen auch mit einer Ausnahme gelang, nämlich der VHS Polycollege, die nochmals besonders spezielle Konstellationen und Interessen hatte und sich hartnäckig gegen diese Integration wehrte. Und diese Beschlüsse erst im darauffolgenden Jahr, nach schwierigen Verhandlungen traf, die auch meine Lösungskompetenz maximal herausforderten.
Zugleich musste das Projektteam und dessen komplexer Arbeitsplan sowie die Abstimmung mit der Stadt Wien am Laufen gehalten werden, da der Zeitplan extrem eng getaktet war und auf jeden Fall eingehalten werden musste. Was wir letztendlich auch tatsächlich schafften. Für mich eine äußerst intensive und auch erfahrungsreiche Zeit.
Wolfgang Bandhauer, mit dem ich laufend in Kontakt war, konnte dann Anfang Dezember das Spital verlassen, war aber weiter in ambulanter Behandlung und augenscheinlich gesundheitlich sehr angeschlagen und geschwächt.
Aber das Ziel vor Augen mobilisierte er seine Kräfte und er schaffte es dann auch persönlich die abschließenden formalen Schritte zu setzen: Mit der notariellen Gründung der neuen VHS GmbH am 18. Dezember, auf der Basis des Anfang Dezember erfolgten Gemeinderatsbeschlusses. Und ich kann mich noch an die erleichterte Freude in seinen Augen bei einem anschließenden kleinen Get-together in der Zentrale erinnern: Er hatte, wir hatten, seinen Mount Everest geschafft. Die Strukturreform war nun Realität.
Was zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt war: Es handelte sich bei seinen Krankenhausaufenthalten nicht um die Folgen eines Routinegriffs, sondern um eine Krebserkrankung. Wolfgang Bandhauer wollte den Reformprozess nicht durch die Verunsicherung gefährden, die diese Information intern und extern ausgelöst hätte und hatte darum nur den kleinstmöglichen Kreis eingeweiht. Auch ich wusste lange Zeit nicht explizit Bescheid, auch wenn ich es immer mehr ahnte und befürchtete.
Aber er wirkte jetzt, kurz vor Weihnachten, völlig zuversichtlich, sowohl was ihn persönlich als auch unseren weiteren Weg mit den neu aufgestellten Wiener Volkshochschulen betraf.
Ein tragischer Einschnitt
Am 30. Dezember, ich war gerade auf Winterurlaub mit Familie und Freunden in Tirol, ereilte mich allerdings erneut ein Handyanruf: Wolfgang Bandhauer war unerwartet verstorben. Wie sich später herausstellte, war er an sich tatsächlich bereits auf einem gutem Weg der Genesung, es gab dann aber einen plötzlich Rückschlag, der ihn unvermittelt aus dem Leben riss.
Für mich war diese Nachricht ein schwerer Schock: Persönlich, da unsere Arbeitsfreundschaft uns im vorangegangen Jahr sehr eng zusammengeführt und verbunden hatte. Und beruflich, weil plötzlich unsere klaren Perspektiven des gemeinsamen Weges in der neuen VHS GmbH plötzlich in Frage gestellt waren.
In diesem Zustand der Trauer begann bei mir daher nach einigen Tagen auch das intensive Nachdenken, wie es einerseits für die neu gegründete VHS GmbH und andererseits für mich persönlich weiter gehen könnte. Und sehr rasch war mir klar, dass es für mich nur zwei Optionen gab: Entweder ich nehme die Herausforderung an, und bewerbe mich für die Nachfolge von Wolfgang Bandhauer, um in seinem Sinn unsere gemeinsame Ziele für die Wiener Volkshochschulen weiter zu verfolgen - oder ich mache einen Neustart andernorts und schlage einen völlig neuen anderen Weg ein.
Und so nahm ich die Herausforderung an bewarb mich für die Geschäftsführung, auch wenn es zunächst völlig unklar war, ob ich tatsächlich eine Chance hätte. Denn es gab weiterhin divergierende Interessen in Bezug auf die Ausrichtung der Strukturreform und auch Vorbehalte gegen mich als Geschäftsführer. Nicht zuletzt auch seitens einiger VHS Direktoren, die sich ohnedies aus ihrer Sicht durch die Strukturreform „entmachtet“ fühlten.
Ich erhielt aber umgekehrt auch von manch anderer Seite positive, unterstützende und bestärkende Signale.
Der Gegenwind war jedenfalls durchaus deutlich spürbar und der Weg in diesen Wochen war für mich somit alles andere als einfach. Schlussendlich konnte ich mich dann doch im Auswahlverfahren durchsetzen und wurde nach etwa zwei Monaten mit Ende Februar zum neuen Geschäftsführer bestellt.
Es war ein vielleicht kleiner Schritt für die Menschheit, aber jedenfalls ein großer Sprung für mich. Ich war immerhin aus der dritten oder vierten Reihe, wie es so heißt, an die Spitze eines großen Bildungsunternehmens gesprungen.
Und ich denke, dass es oft gerade solche Krisensituationen sind, in denen Menschen wie ich, die nicht den konventionellen Karrieremustern entsprechen, eine Chance erhalten, Verantwortung zu übernehmen. Weil oft sonst niemand bereit ist, diese Verantwortung in einer solchen offenen, ungesicherten Situation zu übernehmen.
Die anschließenden Wochen und Monate waren für mich dann mindestens so erfahrungs- und lehrreich wie es bereits der vorangegangene Herbst war. Darüber, und vor allem, wie es mit der neuen VHS GmbH dann ab 2008 inhaltlich weitergegangen ist, darüber erzähle ich dann gerne mehr im nächsten Beitrag.
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Literaturhinweise:
- Wilhelm Filla: Volkshochschularbeit in Österreich - Zweite Republik. Eine Spurensuche. Leykam 1991
- Wolfgang Speiser: Wiener Volksbildung nach 1945. Österreichischer Bundesverlag 1982.
- Christian H. Stifter: Geistige Stadterweiterung. Eine kurze Geschichte der Wiener Volkshochschulen 1887 - 2005. Verlag Bibliothek der Provinz