Oskar Negt: "Für mich ist Bildung wesentlich auch eine Vorratshaltung."

„Wirkliche Bildung ist umwegig, enthält Um- und Abwege, die keineswegs immer sofort als produktiv einzustufen sind; auch verlorene Zeit gehört dazu.“

Dieser Satz von Oskar Negt aus seinem 2001 veröffentlichten Buch „Arbeit und menschliche Würde“ begleitet mich fast als Leitspruch schon seit vielen Jahren.

Auch weil es für mich sehr gut meinen eigenen Bildungs- und Berufsweg beschreibt und erklärt, der alles andere als geradlinig oder gar vorgezeichnet war. Sondern eben viele Um- und Abwege enthalten hat, die oberflächlich betrachtet, keinesfalls immer direkt produktiv und verwertbar erscheinen mögen und in einer reinen Effizienzbetrachtung als „verlorene Zeit“ eingestuft werden müssten.
Die ich aber als wertvolle Zeit sehe, weil sie aber wesentlich zu dem beigetragen haben, was ich gelernt und erfahren habe, in einem perspektivenreichen Blick auf die Welt, und somit in Summe das ausmachen, was und wie ich heute bin. Ich erlebe bis heute immer wieder, dass ich auf früher Gelerntes und Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zurückgreifen greifen kann, reaktivereen und in mein jetziges Denken und Tun integrieren kann.

Ganz im Sinne dessen, wenn Oskar Negt wiederholt davon spricht, dass gelungene Bildung eine Art Lagerhaltung bedeute, das Anlegen von geistigen und emotional stärkenden Vorratslagern, von Notrationen, auf die man jederzeit zurückgreifen kann, wenn es notwendig wird. Eine Vorratshaltung, die aber nur funktioniere, wenn das Gelernte, Gelesene oder Erzählte sich in der Aneignung mit einer gewissen Gefühlstiefe abgelagert hat und mit einem exemplarischen Erkenntniswert besetzt war. Auch das kann ich gut nachvollziehen, auch das ist mir sehr vertraut.


Demokratie als einzige Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss


Das Denken und Handeln von Oskar Negt entwickelte sich stark aus der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie und gesellschaftspolitisch aus seinem Engagement in der 1968er Protestbewegung und der Gewerkschaftsbewegung.

Seine intensive Beschäftigung mit Bildung - sowohl schulischer wie auch der Erwachsenenbildung bzw. Arbeiter:innenbildung - ergibt sich aus dem für ihn zentralen Thema der Demokratie. Denn Demokratie sei weit mehr als ein Verfassungssystem, sondern eine Lebensform, die die Alltagsverhältnisse der Menschen betreffe. Und damit auch die einzige Gesellschaftsordnung, die gelernt werden müsse - und zwar nicht ein für alle Mal, in dem man sich ein paar Regeln aneigne, sondern laufend alltäglich und auf jeder Altersstufe.

Dieser Anspruch an Bildung ebenso wie an den Sozialstaat zur Stärkung der Demokratie, des Friedens, des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des Gemeinwesens - damit auch der Beseitigung von gesellschaftlicher Kälte und von Angst - entstand aus der Erfahrung des Faschismus - und ist somit gerade heute leider wieder aktueller denn je.

Ein Anspruch an Bildung, den bereits Adorno formulierte, nämlich Bedingungen herzustellen, unter denen Auschwitz sich nicht wiederhole. Und Adorno wie Negt stellen dazu klar, dass es die soziale Kälte einer Gesellschaft sei, die den Weg in den Faschismus geebnet habe. Das isolierte, egoistische Erfolgsstreben, das nicht auf Solidarität, sondern auf Konkurrenz und Ausgrenzung ausgerichtet ist, und somit auch das Infragestellen der Existenzgrundlagen der anderen in Kauf nimmt - und das daraus resultierende Verkümmern der sozialen und emotionalen Kräfte, die daraus resultierende Bindungs- und Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft.

Oder mit den Worten Adornos: „Die Kälte der gesellschaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indifferenz gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung dafür, dass nur ganz wenige sich regten. Das wissen die Folterknechte; auch darauf machen sie stets erneut die Probe."

Etwas, das wir zur Zeit erschreckend drastisch in vielfacher Weise wieder vor Augen geführt bekommen, nicht nur, aber ganz besonders aktuell in den USA.


Bildung für den „aufrechten Gang“


Dem stellt Negt eine Gesellschaft entgegen, die die Würde, Integrität und Selbstbestimmtheit der Menschen als Grundwerte von Demokratie versteht. Und getragen wird von autonomiefähigen Menschen, die über kritisches Urteilsvermögen verfügen, die solidarisch handeln und sich damit am kollektiven Wohl des Gemeinwesens orientieren und dazu beitragen.

Und er verweist dabei auf das Beispiel des Gemeinwesens in der griechischen Antike, der demokratischen Verfassung der Polis in der Zeit des Perikles - wenn auch mit dem wichtigen historischen Hinweis, dass diese nur sogenannte freie männliche Bürger umfasste, und viele andere gesellschaftliche Gruppen, Frauen ebenso wie Zugewanderte und Sklaven ausschloß.
(Wobei: einen undemokratischen Ausschluss eines wesentlichen Teils der Bevölkerung von der politischen Mitbestimmung erleben wir ja in Österreich auch heute immer noch oder wieder.)

Jedenfalls wurde in diesen Ursprüngen der Demokratie im antiken Athen als Ziel von Erziehung und Bildung der politische Mensch gesehen, also jener, der sich um das Wohl des Gemeinwesens kümmert. Im Gegensatz zu dem, was im Griechischen mit dem Begriff „Idiot“ bezeichnet wurde, nämlich den Privatmann, der nur das im Sinn hat, was ihn und seine persönlichen Interessen unmittelbar betrifft.

Idioten dieser Art sehen wir heutzutage ja leider viel zu oft an den politischen und wirtschaftlichen Schalthebeln in der Welt - mit allen damit verbundenen gefährlichen, bedrohlichen Auswirkungen auf Demokratie, Menschenrechte und Frieden.


Orientierungswissen und Urteilsvermögen


In unserer Gegenwart sieht Negt Orientierung als zentralen Faktor für die Stärkung und Stabilisierung der Demokratie, und somit als zentrale Aufgabe von Bildung, in Zeiten der Umbrüche und Krisen, der wachsenden sozialen Polarisierung und Ungleichheit und der Auflösung von traditionellen Bindungen.

Demokratie als Lebensform brauche daher eine menschenwürdige und zu dieser Orientierung befähigende Bildung, durch sinnstiftendes Orientierungswissen, als Wissen um um gerechtfertigte Zwecke und Ziele, das über ein rein funktionales Verfügungswissen hinausgeht. Und somit das kritisches Weltverständnis und das Urteilsvermögen von Menschen stärkt und sie mit Eigenschaften und Fähigkeiten ausstattet, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
Etwa auch jener Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und herzustellen, selbstbestimmt und kritisch, ganz im Sinne einer „Aufklärung als Ausgang aus der Unmündigkeit“, wie Kant es formulierte, der dazu aufforderte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Also Orientierungswissen als wesentlicher Beitrag zu einer emanzipatorischen Bildung, die zu gesellschaftlicher Teilhabe und politischem Handeln befähigt und ermächtigt. Indem Lernende Kompetenzen erwerben, die gesellschaftlichen Bedingungen, in den sie leben, zu erkennen, Zusammenhänge zwischen ökonomischen, politischen und sozialen Entwicklungen und ihrer persönlichen Lebenssituation zu reflektieren und kritisch zu beurteilen, und daraus Schlüsse für eine Veränderung dieser Verhältnisse zu ziehen. Als „Utopiefähigkeit“ im Sinne einer demokratischeren, freieren und gerechteren Welt.


Die Folgen einer fortschreitenden betriebswirtschaftlichen Verwertungsorientierung der Bildung


Damit steht dieses Verständnis von emanzipatorischer, also zu kritischen Denken und politischem Handeln ermutigender Bildung der weit verbreiteten neoliberalen Zweck- und Verwertungsorientierung von Bildung entgegen, also der Ausrichtung unsere Bildungssysteme auf reine Qualifizierung und damit als Anpassung von Menschen für deren Verfügbarkeit in der marktwirtschaftliche Profit- und Konkurrenzlogik. Ebenso wie der fortschreitenden Ökonomisierung durch eine betriebswirtschaftliche Logik in unseren Bildungssystemen und Einrichtungen, das was Negt als betriebswirtschaftliche Rodung von Ressourcen, Zeit und Wegen in allen gesellschaftlichen Bereichen bezeichnet.

Und er warnt zu Recht eindringlich: „Die betriebswirtschaftlichen Rationalisierer (…) und die Just-in-time-Ideologen sind entschlossen, Lagerbestände, die doch für jede Persönlichkeitsbildung zentrale Bedeutung haben, zu „entrümpeln" (…) und Lern- und Anwendungszeiten des Wissens komplett zu ökonomisieren.“

Erinnerungs- und Utopiefähigkeit wären dabei ebenso überflüssiger Ballast wie innere Reserven und Menschen, die eigensinnige Wege beschreiten. Kreative Prozesse der Persönlichkeitsbildung sind jedoch, so Negt, „unabdingbar an die Möglichkeit und die Erlaubnis geknüpft, Nebenwege, ja Abwege beschreiten zu können.“
Und Bildung, die urteilsfähige und mündige Menschen zum Ziel habe, sei nun einmal von eigensinnigen Abläufen geprägt.


Schlüsselkompetenzen und die drei Dimensionen des Lernens


Oskar Negt formulierte sechs gesellschaftliche Schlüsselkompetenzen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was oft als rein beruflich orientierte Schlüsselqualifikationen kursiert. Diese sind kurz zusammengefasst:

1. die Identitätskompetenz, also die Kompetenz mit Identitätsbrüchen umzugehen,
2. die technische oder Medienkompetenz als kritische Nutzung von Medien und Technologien und die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Technik.
3. die Gerechtigkeitskompetenz, das heißt die Kompetenz Ungerechtigkeit zu erkennen und aufzudecken und die eigenen Rechte zu kennen udn dafür einzutreten,
4. die ökologische Kompetenz als sorgsamer, nachhaltiger Umgang mit unserer Umwelt und mit Ressourcen,
5. die ökonomische Kompetenz als das Erkennen von wirtschaftlichen Zusammenhängen und Entwicklungen und der Folgen, die sich daraus ergeben,
6. die historische Kompetenz als Möglichkeit als der Vergangenheit zu lernen und die Zukunft als Utopie zu entwerfen.

Diese Bildung hat, so Negt, drei konstituierende Dimensionen des Lernens, nämlich nicht nur das kognitive Lernen, sondern ebenso das emotionale und das soziale Lernen, die alle drei gleichwertig beachtet und gefördert werden müssen.
Auch wenn in Ausrichtung an einer zweckrationalen Verwertungsorientierung oft dem kognitiven Lernen weitaus mehr Beachtung und Wertschätzung gegeben werde als den beiden anderen Ebenen. Was zur Fortsetzung des gesellschaftlichen Kältestroms auch in unseren in Schulen wie anderen Bildungseinrichtungen führt, wenn nur mehr die kognitive Leistung als Leistung anerkannt werde.

Und Negt verweist darauf, dass etwa die Leistung, mit Gefühlen und Emotionen umzugehen, in gewissen Phasen der Entwicklung für Kinder größer sein kann als jene des kognitiven Lernens. Aber Leistungen des emotionalen und sozialen Lernens sind nun einmal schwer bis gar nicht mit den üblichen Instrumenten der Bewertung, Testung und Benotung messbar, und finden allein schon deshalb weitaus weniger Beachtung und Wertschätzung. Oder wie Oskar Negt es formuliert: „Emotionales und soziales Lernen entzieht sich dem Instrumentarium der Tests, die das Lernen im Sinne lebensgeschichtlicher Gedächtnisleistung nicht zu erfassen vermögen.”


Drei wesentliche Schlussfolgerungen für unsere aktuelle Bildungsarbeit

Was können wir nun von Oskar Negt für unsere aktuelle Bildungsarbeit, sei es im schulischen Bereich, sei es in der Erwachsenbildung mitnehmen? Für mich sind es im drei Punkte, auf die ich als Resümee eingehen möchte:

Erstens:
Politische Bildung als Demokratiebildung ist nicht etwas, das vorrangig kognitiv, als Wissen vermittelt werden kann, schon gar nicht frontal und von Autoritäten vorgegeben. Und daher auch nicht einfach auf eine Unterrichtsfach oder einen Kurs reduziert werden kann.
Sondern wenn wir Demokratie nach Oskar Negt nicht einfach als ein abstraktes Verfassungssystem begreifen, sondern als eine Lebensform, die unseren gesamten Alltag durchzieht, dann ist sie etwas, das erfahrbar sein und gelebt werden muss, gerade auch in unseren Bildungseinrichtungen.

Das heißt, diese müssen Orte der Demokratie sein bzw. werden. Denn wo, wenn nicht dort, soll demokratisches Handeln gelernt, im Sinen von erfahren, erprobt und gelebt werden. Dh sie ebenso demokratisch gestaltet und organisiert werden wie auch die Lernprozesse selbst, mit einem größtmöglichen Ausmaß an Beteiligung und Mitbestimmung der Lernenden.
Und Lernende müssen dazu ermutigt werden, Bestehendes und Vorgegebenes kritisch zu hinterfragen, sich ein eigenes Urteil zu bilden, im Sinne des Kantschen Diktums, Mut zu haben, sich deines eigenen Verstandes zu bedienen - und auch so zu handeln.

Zweitens:
Das führt fast direkt zum zweiten Punkt, nämlich der Bedeutung der Autonomie, der Selbstbestimmung und Selbststeuerung der Lernenden für gelungene Bildung.

Leider sehe ich allerdings schon seit Längerem mit Sorge die Einengungen der Möglichkeiten dieser Selbstbestimmtheit und Selbstregulierung, und der dafür notwendigen Freiräume. Nicht zuletzt der Freiräume für jene nicht immer als unmittelbar produktiv und verwertbar einzustufende „Ab- und Umwege“ in der Bildung, wie eingangs zitiert.

Eine Einengung der Freiräume und der Vielfalt als Folge dessen, was Negt die fortschreitende betriebswirtschaftliche Zweckrationalität in unseren Bildungssystemen nennt, für die ein Kennzeichen auch der Hang zur Standardisierung ist - in einer kurzsichtigen Verwechslung von Standardisierung mit Qualität.
Sei es etwa im universitären Bereich, nicht zuletzt auch in Folge des "Bologna Prozesses", sei es etwa in der Erwachsenenbildung, unter anderem durch die fortschreitende Standardisierung, Ökonomisierung und reinen verwertungsorientierten Outputorientierung in den Fördervorgaben öffentlicher Programme, die die notwendige lerner:innenorientierte Vielheit von individuellen Lernzielen und Lernprozessen in sozusagen „fordistische Bildungsproduktionsstraßen“ zwängen.

Solchen leider verbreiteten Tendenzen gilt es offensiv entgegen zu treten, und im Gegenzug für mehr Selbstbestimmtheit, Selbstregulierung und Beteiligung von Lernenden einzutreten. Diesen Qualitäten sollte jedenfalls wieder mehr Aufmerksamt geschenkt werden und auch Anerkennung gegeben werden, nicht zuletzt auch in der Finanzierung von Bildungseinrichtungen und Bildungsangeboten.

Drittens:
Die Wichtigkeit des Gemeinwesens und sozialer Bindungen für die Stabilität der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, wie Oskar Negt immer wieder betont.

Auch hier können Bildungseinrichtungen viel dazu beitragen, indem sie emotionalem und sozialem Lernen ebenso viel Aufmerksamkeit, Raum und Wichtigkeit geben wie den kognitiven Lernprozessen.
Und indem sich Bildungseinrichtungen als „Wärmeräume“ verstehen und auch so handeln, inmitten der wachsenden gesellschaftlichen Kälte, als Orte, an denen sich Menschen - egal ob Kinder oder Erwachsene - aufgehoben, sicher und gestärkt fühlen. Orte, denen die Menschen aus diesem Grund vertrauen.

Ich habe das auch immer wieder in meiner konkreten Bildungsarbeit positiv so erlebt, sowohl in meiner Arbeit in den Volkshochschulen als auch in der schulischen Freizeitpädagogik.
Ich habe nur auch erlebt, dass dieser Aspekt oft eher nur als Nebensächlichkeit wahrgenommen wird, als nice-to-have, auf das dann aus pragmatischen Gründen vorschnell verzichtet wird, wenn es eng wird. Weil dann leider doch Leistung und Bewerten wichtiger sind, als Zusammenhalt, Vertrauen sowie soziale und emotionale Wärme.

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Literaturhinweise:


- Theodor W. Adorno: Stichworte. Kritische Modelle 2. Suhrkamp 1969.
- Oskar Negt: Arbeit und menschliche Würde. Steidl 2001.
- Oskar Negt: Philosophie des aufrechten Gangs: Streitschrift für eine neue Schule. Steidl 2014
- Oskar Negt: „Schule ist keine Insel“. 6. Internationales Alfred-Dallinger-Symposium 2016. Arbeiterkammer Wien (Video)