„Recht auf Sprachen statt Deutsch als Pflicht.“
26.01.2026
Vor kurzem wurde im Parlament durch entsprechende Änderungen der Schulgesetze die Verpflichtung zum Besuch der Sommerschule für Kinder und Jugendliche mit - wie es heißt - nicht ausreichenden Deutsch-Kenntnissen beschlossen. Verbunden mit der Androhung von Sanktionen bei Nicht Erfüllung. Die Verpflichtung betrifft formal außerordentliche Schüler:innen und Ziel sei es laut Bildungsminister Wiederkehr, die Zahl der außerordentlichen Schüler:innen massiv zu reduzieren.
Und damit sind wir schon beim ersten grundlegenden Denkfehler bzw der fehlenden Evidenzbasierung dieser Entscheidung darüber: Denn der Status als außerordentliche Schüler:innen und der davon abgeleitete Besuch von Deutschförderklassen hat nur einen sehr bedingten Zusammenhang mit den tatsächlichen Deutschkompetenzen von Schüler:innen, etwa mit deren Fähigkeit, dem Unterricht zu folgen und zu kommunizieren.
Auch wenn in der politischen Kommunikation ebenso wie in Medien das laufend unhinterfragt pauschal so gleichgesetzt und vermittelt wird.
Denn dieser Status ergibt sich aus dem problematischen und vielfach kritisierten sogenannten MIKA-D-Test. Dieser Test mit vielen eklatanten Verfahrensmängeln und ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage aber erhebt, wenn überhaupt etwas, allenfalls grammatikalische Korrektheit, aber nicht die tatsächlichen kommunikativen Kompetenzen der Schüler:innen.
So zog u.a. auch der Österreichische Fachverband für Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache, der ÖDaF, das klare negative Resümee, dass dieser Test „nicht im Geringsten zu einer realistischen Einschätzung der Deutschkenntnisse der Kinder beiträgt bzw. zu einer Einschätzung darüber, ob sie fähig sind, dem Regelunterricht zu folgen.“
Fakt ist, dass wir überhaupt keine aussagekräftigen Datengrundlagen haben, wie die tatsächlichen sprachlich-kommunikativen rezeptiven und produktiven Fertigkeiten der Schüler:innen im außerordentlichen Status sind, und ob sie nun imstande sind oder nicht, dem Unterricht in Deutsch sprachlich zu folgen.
Und Fakt ist, dass Schüler:innen mit anderen Erstsprachen ohne ausreichende Evidenz, nämlich aufgrund eines mangelhaften und nicht aussagekräftigen Tests in den Status außerordentliche Schüler:innen abgeschoben werden. Und nun auch noch auf dieser nicht aussagekräftigen Grundlage zusätzlich verpflichtet werden, die Sommerschule zu besuchen, mit der Androhung von Konsequenzen bei Nichtbesuch.
Den Applaus der Boulevardmedien hat die Bildungspolitik für diese Entscheidung jedenfalls:
Den Applaus der Fachwelt erhält die Bildungspolitik für eine solche Maßnahme wohl eher nicht.
Im Gegenteil: Diese Medienschlagzeilen machen eigentlich nur offensichtlich, was die tatsächliche Wirkung dieser Sommerschulpflicht ist, auch wenn dies seitens der Bildungspolitik mit scheinbar wohlwollenden, paternalistsichen Worten gutgeredet wird.
Die Wirkung ist nämlich leider Beschämung, Stigmatisierung, Ausgrenzung und Diskrimierung bestimmter Gruppen von Schüler:innen. Ob nun bewusst intendiert oder einfach nur fahrlässig in Kauf genommen.
Und so stellt auch die gemeinsame Stellungnahme des ÖDaF und des Netzwerks SprachenRechte zu dieser Gesetzesänderung klar:
„Die Verpflichtung zur Teilnahme an der Sommerschule von Schüler:innen in Deutschförderklassen oder mit außerordentlichem Status ist kritisch zu betrachten. Sie fördert Stigmatisierung und berücksichtigt individuell-familiäre Rahmenbedingungen genauso wenig wie motivationale Aspekte und Fragen des Selbstwertgefühls und der Selbstbestimmung.“
Und es geht erfahrungsgemäß auch anders:
Genau um Ausgrenzung und Stigmatisierung zu vermeiden hatten wir uns damals 2018 bei der Konzipierung der “Summer City Camps” in der Stadt Wien bewusst gegen segregierende Deutschfördergruppen zumindest für Volksschulkinder und gegen jegliche Verpflichtung entschieden. Um nicht den Fehler der damals schon bestehenden segregierten Deutschförderklssen nicht auch noch im Sommer zu pereptuieren. Nachdem ich federführend in die damalige Projekt- und Konzeptentwicklung der “Summer City Camps” involviert war, kann ich mich noch gut an diese Überlegungen und Entscheidungen erinnern.
Wir haben dann statt dessen ein spannendes Modell der integrierten Sprachförderung für alle Kinder in den Camps entwickelt, das „Fliegende Klassenzimmer“, bei dem spezielle Deutsch-Förderkräfte in die Standorte kamen und dort eingebaut in die gesamten Tagesabläufe die Kinder sprachlich förderten. Damit es eben nicht dazu kommt, dass die einen die “Armutschkerln” sind, die Deutsch „büffeln“ müssen, während die anderen Glücklichen spannende und pädagogisch wertvolle Abenteuer in den Camps erleben konnten.
Und das bringt mich auch auf einen weiteren grundsätzlichen Punkt:
Warum sollen es eigentlich die Kinder und deren Familien mit einem selektiven Eingriff in deren Selbstbestimmtheit ausbaden, wenn wir es nicht schaffen, sie in in unseren Bildungssystemen ausreichend und sinnvoll sprachlich und inhaltlich zu fördern?
Und ich stelle die offensichtlich ketzerische Frage: Warum schaffen wir es nicht, den Unterricht in Schulen so zu gestalten, dass alle Kinder diesem folgen können, ungeachtet des jeweiligen Entwicklungsstands ihrer Deutschkenntnisse, und jedenfalls auch unter Berücksichtigung und produktiver Einbeziehung ihrer mitgebrachten jeweiligen Mehrsprachigkeit.
Offensichtlich ketzerisch, weil die Signale aus der aktuellen Bildungspolitik in Österreich ganz andere sind. Da wird ebenso wie in den öffentlichen Debatten in einer fast fetischierenden Fixierung auf Deutsch laufend „Sprache“ mit „Deutsch“ gleichgesetzt, in dem zB von „Sprachförderung“ geredet wird, wenn „Deutschförderung“ gemeint ist. Wer nicht Deutsch kann, wird auf diesem Weg vermittelt, ist offensichtlich sprachlos, ungeachtet der sonstigen sprachlichen Kompetenzen.
Wenn wir wirklich Bildungsgerechtigkeit wollen, müssten wir - so der Sprachlernforscher Hans Jürgen Krumm - dafür Sorge tragen, dass Kindergarten und Schule das wertschätzt und einbezieht, was die Kinder sprachlich mitbringen, also auch ihre Spracherfahrungen und Sprachkontakte, eventuell schon gelernte Sprachen, eine oder mehrere Familiensprachen. Und nicht Kinder mit dem Verdikt „Du kannst kein bzw. nicht gut genug Deutsch“ von vornherein abwertet und ausgegrenzt.
Und er verweist darauf, dass in einer monolingualen, ausschließlich auf Deutsch orientierten Schule andersprachige Kinder, selbst wenn sie mit noch so viel Motivation und Aufwand Deutsch lernen, nachweislich über ihre gesamte Schullaufbahn immer gegenüber den Schüler:innen benachteiligt werden, für die Deutsch immer schon die einzige Sprache war und ist. Womit eine institutionelle Diskrimierung von mehrsprachigen Schüler:innen mit Migrationsbiografien durch eine monolinguale Schule vorliege.
Es wäre daher höchst an der Zeit statt segregierender und diskrimierender Maßnahmen (die zudem für das Deutschlernen alles andere als förderlich sind) endlich auch in Österreich ein bildungspolitisches Konzept für ein mehrsprachige Schule umzusetzen und Maßnahmen zu dessen Umsetzung voranzutreiben.
Grundlagen dafür gibt es bereits. In den schulischen Lehrplänen, die in ihren allgemeinen Bestimmungen u.a. explizit darauf hinweisen, dass der Unterricht die von Lernenden mitgebrachten Sprachen aufgreifen und für das weitere Lernen nutzen soll.
Und ganz speziell im Curriculum Mehrsprachigkeit, das von Hans-Jürgen Krumm und Hans Reich im Auftrag des Bildungsministeriums Anfang der 2010er Jahren entwickelt wurde, und auf dessen Basis das vom Österreichischen Sprachen-Kompetenz-Zentrum ein Modul ausgearbeitet wurde, das angehende Lehrer:innen für die Arbeit mit diesem Curriculum ausbilden soll.
Es ist mir unverständlich, warum dieses Curriculum Mehrprachigkeit und diese Ausbildung heute, 15 Jahre später, immer noch nicht systematisch und flächendeckend implementiert ist.
Abschließend noch ein Hinweis auf einen weiteren problematischen Aspekt in der geplanten Umsetzung der Sommerschulpflicht; den auch ÖDaF und Netzwerk SprachenRechte in ihrer gemeinsamen Stellungnahme ansprechen:
Die vorgesehene Information an die Eltern über eine amtswegig erfolgte Anmeldung zur Sommerschule durch die Schulleitung fördert ein äußerst hierarchisches Verhältnis zwischen Schule und Bildungsbehörde einerseits sowie Schüler:innen und ihren Eltern andererseits. Die Wichtigkeit einer gleichberechtigten Kooperation mit den Eltern werde dabei gänzlich negiert.
Das bedeutet, dass diese Vorgangsweise genau diametral dem entgegen steht, was Bildungsexperten wie etwa Aladin El-Mafaalani oder Mark Terkessidis fordern: Nämlich eine Demokratisierung von Schule, und mehr kollaboratives Handeln zwischen Schule, Schüler:innen und Eltern.
Mark Terkessidis weist darauf hin, wie wichtig es ist, bestehende Barrieren zwischen Schule und den Familien der Kinder und Jugendlichen kollaborativ aufzulösen. Und er verweist auch darauf, dass das für Schule bedeute, Autorität abzugeben, und auch den damit zusammenhängenden Kontrollverlust zuzulassen.
Und Aladin El-Mafaalani stellt fest: Politische Bildung sei zwar in den Lehrplänen verankert, aber die Schule selbst sei kaum demokratisch, sodass Kinder in ihren Familien, selbst in autoritären Familien, meist mehr Mitspracherechte hätten als in einer durchschnittlichen Schule. Und er verweist darauf, dass Schüler:innen viel besser auf politische Kontroversen vorbereitet wären, wenn sie in der Schule mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung hätten.
Schule müsse daher - so El-Mafaalani - als demokratischer Raum gesehen und gestaltet werden. Denn die Zukunft der Demokratie entscheidet sich in der Schule. Dort lernen Kinder nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen – sondern vor allem auch, ob sie der Gesellschaft vertrauen können.
Und damit sind wir schon beim ersten grundlegenden Denkfehler bzw der fehlenden Evidenzbasierung dieser Entscheidung darüber: Denn der Status als außerordentliche Schüler:innen und der davon abgeleitete Besuch von Deutschförderklassen hat nur einen sehr bedingten Zusammenhang mit den tatsächlichen Deutschkompetenzen von Schüler:innen, etwa mit deren Fähigkeit, dem Unterricht zu folgen und zu kommunizieren.
Auch wenn in der politischen Kommunikation ebenso wie in Medien das laufend unhinterfragt pauschal so gleichgesetzt und vermittelt wird.
Der Status "außerordentliche Schüler:innen" auf der Basis eines nicht aussagekräftigen Tests
Denn dieser Status ergibt sich aus dem problematischen und vielfach kritisierten sogenannten MIKA-D-Test. Dieser Test mit vielen eklatanten Verfahrensmängeln und ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage aber erhebt, wenn überhaupt etwas, allenfalls grammatikalische Korrektheit, aber nicht die tatsächlichen kommunikativen Kompetenzen der Schüler:innen.
So zog u.a. auch der Österreichische Fachverband für Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache, der ÖDaF, das klare negative Resümee, dass dieser Test „nicht im Geringsten zu einer realistischen Einschätzung der Deutschkenntnisse der Kinder beiträgt bzw. zu einer Einschätzung darüber, ob sie fähig sind, dem Regelunterricht zu folgen.“
Fakt ist, dass wir überhaupt keine aussagekräftigen Datengrundlagen haben, wie die tatsächlichen sprachlich-kommunikativen rezeptiven und produktiven Fertigkeiten der Schüler:innen im außerordentlichen Status sind, und ob sie nun imstande sind oder nicht, dem Unterricht in Deutsch sprachlich zu folgen.
Und Fakt ist, dass Schüler:innen mit anderen Erstsprachen ohne ausreichende Evidenz, nämlich aufgrund eines mangelhaften und nicht aussagekräftigen Tests in den Status außerordentliche Schüler:innen abgeschoben werden. Und nun auch noch auf dieser nicht aussagekräftigen Grundlage zusätzlich verpflichtet werden, die Sommerschule zu besuchen, mit der Androhung von Konsequenzen bei Nichtbesuch.
Die Sommerschulpflicht erzeugt Stigmatisierung und Ausgrenzung
Den Applaus der Boulevardmedien hat die Bildungspolitik für diese Entscheidung jedenfalls:
- „Regierung knallhart: Wer kein Deutsch kann, kriegt Sommerferien gekürzt!“
- „Schluss mit dem Ferienfaulenzen: wer nicht Deutsch kann, muss büffeln!“
- „Deutsch zu schlecht, so viele müssen in die Sommerschule!“
Den Applaus der Fachwelt erhält die Bildungspolitik für eine solche Maßnahme wohl eher nicht.
Im Gegenteil: Diese Medienschlagzeilen machen eigentlich nur offensichtlich, was die tatsächliche Wirkung dieser Sommerschulpflicht ist, auch wenn dies seitens der Bildungspolitik mit scheinbar wohlwollenden, paternalistsichen Worten gutgeredet wird.
Die Wirkung ist nämlich leider Beschämung, Stigmatisierung, Ausgrenzung und Diskrimierung bestimmter Gruppen von Schüler:innen. Ob nun bewusst intendiert oder einfach nur fahrlässig in Kauf genommen.
Und so stellt auch die gemeinsame Stellungnahme des ÖDaF und des Netzwerks SprachenRechte zu dieser Gesetzesänderung klar:
„Die Verpflichtung zur Teilnahme an der Sommerschule von Schüler:innen in Deutschförderklassen oder mit außerordentlichem Status ist kritisch zu betrachten. Sie fördert Stigmatisierung und berücksichtigt individuell-familiäre Rahmenbedingungen genauso wenig wie motivationale Aspekte und Fragen des Selbstwertgefühls und der Selbstbestimmung.“
Integrative Sprachförderung in der Konzipierung der "Summer City Camps"
Und es geht erfahrungsgemäß auch anders:
Genau um Ausgrenzung und Stigmatisierung zu vermeiden hatten wir uns damals 2018 bei der Konzipierung der “Summer City Camps” in der Stadt Wien bewusst gegen segregierende Deutschfördergruppen zumindest für Volksschulkinder und gegen jegliche Verpflichtung entschieden. Um nicht den Fehler der damals schon bestehenden segregierten Deutschförderklssen nicht auch noch im Sommer zu pereptuieren. Nachdem ich federführend in die damalige Projekt- und Konzeptentwicklung der “Summer City Camps” involviert war, kann ich mich noch gut an diese Überlegungen und Entscheidungen erinnern.
Wir haben dann statt dessen ein spannendes Modell der integrierten Sprachförderung für alle Kinder in den Camps entwickelt, das „Fliegende Klassenzimmer“, bei dem spezielle Deutsch-Förderkräfte in die Standorte kamen und dort eingebaut in die gesamten Tagesabläufe die Kinder sprachlich förderten. Damit es eben nicht dazu kommt, dass die einen die “Armutschkerln” sind, die Deutsch „büffeln“ müssen, während die anderen Glücklichen spannende und pädagogisch wertvolle Abenteuer in den Camps erleben konnten.
Und das bringt mich auch auf einen weiteren grundsätzlichen Punkt:
Warum sollen es eigentlich die Kinder und deren Familien mit einem selektiven Eingriff in deren Selbstbestimmtheit ausbaden, wenn wir es nicht schaffen, sie in in unseren Bildungssystemen ausreichend und sinnvoll sprachlich und inhaltlich zu fördern?
Und ich stelle die offensichtlich ketzerische Frage: Warum schaffen wir es nicht, den Unterricht in Schulen so zu gestalten, dass alle Kinder diesem folgen können, ungeachtet des jeweiligen Entwicklungsstands ihrer Deutschkenntnisse, und jedenfalls auch unter Berücksichtigung und produktiver Einbeziehung ihrer mitgebrachten jeweiligen Mehrsprachigkeit.
Offensichtlich ketzerisch, weil die Signale aus der aktuellen Bildungspolitik in Österreich ganz andere sind. Da wird ebenso wie in den öffentlichen Debatten in einer fast fetischierenden Fixierung auf Deutsch laufend „Sprache“ mit „Deutsch“ gleichgesetzt, in dem zB von „Sprachförderung“ geredet wird, wenn „Deutschförderung“ gemeint ist. Wer nicht Deutsch kann, wird auf diesem Weg vermittelt, ist offensichtlich sprachlos, ungeachtet der sonstigen sprachlichen Kompetenzen.
Mehrsprachigkeit in der Schule als Grundlage von Bildungsgerechtigkeit
Wenn wir wirklich Bildungsgerechtigkeit wollen, müssten wir - so der Sprachlernforscher Hans Jürgen Krumm - dafür Sorge tragen, dass Kindergarten und Schule das wertschätzt und einbezieht, was die Kinder sprachlich mitbringen, also auch ihre Spracherfahrungen und Sprachkontakte, eventuell schon gelernte Sprachen, eine oder mehrere Familiensprachen. Und nicht Kinder mit dem Verdikt „Du kannst kein bzw. nicht gut genug Deutsch“ von vornherein abwertet und ausgegrenzt.
Und er verweist darauf, dass in einer monolingualen, ausschließlich auf Deutsch orientierten Schule andersprachige Kinder, selbst wenn sie mit noch so viel Motivation und Aufwand Deutsch lernen, nachweislich über ihre gesamte Schullaufbahn immer gegenüber den Schüler:innen benachteiligt werden, für die Deutsch immer schon die einzige Sprache war und ist. Womit eine institutionelle Diskrimierung von mehrsprachigen Schüler:innen mit Migrationsbiografien durch eine monolinguale Schule vorliege.
Es wäre daher höchst an der Zeit statt segregierender und diskrimierender Maßnahmen (die zudem für das Deutschlernen alles andere als förderlich sind) endlich auch in Österreich ein bildungspolitisches Konzept für ein mehrsprachige Schule umzusetzen und Maßnahmen zu dessen Umsetzung voranzutreiben.
Grundlagen dafür gibt es bereits. In den schulischen Lehrplänen, die in ihren allgemeinen Bestimmungen u.a. explizit darauf hinweisen, dass der Unterricht die von Lernenden mitgebrachten Sprachen aufgreifen und für das weitere Lernen nutzen soll.
Und ganz speziell im Curriculum Mehrsprachigkeit, das von Hans-Jürgen Krumm und Hans Reich im Auftrag des Bildungsministeriums Anfang der 2010er Jahren entwickelt wurde, und auf dessen Basis das vom Österreichischen Sprachen-Kompetenz-Zentrum ein Modul ausgearbeitet wurde, das angehende Lehrer:innen für die Arbeit mit diesem Curriculum ausbilden soll.
Es ist mir unverständlich, warum dieses Curriculum Mehrprachigkeit und diese Ausbildung heute, 15 Jahre später, immer noch nicht systematisch und flächendeckend implementiert ist.
Die Umsetzung der Sommerschulpflicht fördert ein hierarchisches Verhältnis zwischen Schule und Familien
Abschließend noch ein Hinweis auf einen weiteren problematischen Aspekt in der geplanten Umsetzung der Sommerschulpflicht; den auch ÖDaF und Netzwerk SprachenRechte in ihrer gemeinsamen Stellungnahme ansprechen:
Die vorgesehene Information an die Eltern über eine amtswegig erfolgte Anmeldung zur Sommerschule durch die Schulleitung fördert ein äußerst hierarchisches Verhältnis zwischen Schule und Bildungsbehörde einerseits sowie Schüler:innen und ihren Eltern andererseits. Die Wichtigkeit einer gleichberechtigten Kooperation mit den Eltern werde dabei gänzlich negiert.
Das bedeutet, dass diese Vorgangsweise genau diametral dem entgegen steht, was Bildungsexperten wie etwa Aladin El-Mafaalani oder Mark Terkessidis fordern: Nämlich eine Demokratisierung von Schule, und mehr kollaboratives Handeln zwischen Schule, Schüler:innen und Eltern.
Mark Terkessidis weist darauf hin, wie wichtig es ist, bestehende Barrieren zwischen Schule und den Familien der Kinder und Jugendlichen kollaborativ aufzulösen. Und er verweist auch darauf, dass das für Schule bedeute, Autorität abzugeben, und auch den damit zusammenhängenden Kontrollverlust zuzulassen.
Und Aladin El-Mafaalani stellt fest: Politische Bildung sei zwar in den Lehrplänen verankert, aber die Schule selbst sei kaum demokratisch, sodass Kinder in ihren Familien, selbst in autoritären Familien, meist mehr Mitspracherechte hätten als in einer durchschnittlichen Schule. Und er verweist darauf, dass Schüler:innen viel besser auf politische Kontroversen vorbereitet wären, wenn sie in der Schule mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung hätten.
Schule müsse daher - so El-Mafaalani - als demokratischer Raum gesehen und gestaltet werden. Denn die Zukunft der Demokratie entscheidet sich in der Schule. Dort lernen Kinder nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen – sondern vor allem auch, ob sie der Gesellschaft vertrauen können.
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Literaturhinweise
- Hans-Jürgen Krumm: Handlungsfeld Mehrsprachigkeit in Kindergarten und Primarstufe (2021). (Link)
- Hans-Jürgen Krumm, Hans H. Reich: Curriculum Mehrsprachigkeit (2011). (Link)
- Stellungnahme des Netzwerk SprachenRechte und des Österreichischen Verbands für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (ÖDaF) zum Einsatz von MIKA-D (Messinstrument zur Kompetenzanalyse – Deutsch). (Link)
- Stellungnahme des Österreichischen Verbands für Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache (ÖDaF) und des Netzwerks SprachenRechte zum Entwurf für das Bundesgesetz, mit dem das Schulorganisationsgesetz, das Schulunterrichtsgesetz, das Land- und forstwirtschaftliche Bundesschulgesetz, dasSchulzeitgesetz 1985 und das Berufsreifeprüfungsgesetz geändert werden. (Link)